Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 32 (sequence 13)
- Language
- German
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32 deutschen Mich losen Betruges wurden! Dabei wäre noch in Betracht zu ziehen, daß die Verwirklichung der hauptsächlich den betrügerischen Inspiratoren zur Last fallenden Verbrechen nur dadurch eigentlich ermöglicht wurde, daß die administrativen Behörden und das Militär die Exzedenten teils selbst aneiferten, teils durch ihre wohlwollende Haltung sie im Glauben, patriotische Taten zu begehen, bestärkten. Was bleibt unter solchen Umständen von den im $ 269 der Strafprozeßordnung aufgezählten Verbrechen übrig das man auf die Angeklagten zur Anwendung bri igen könntet Ich will meine Gedanken durch ein klares, leichtfaßliches Beispiel erläutern. Wir wollen uns für einen Augenblick aus Rußland und aus der Mitte dieser traurigen Ereignisse in ferne Zeiten der Vergangenheit zurückversetzen. Denken wir uns nach Judäa zur Zeit der Herrschaft der römischen Statthalter verseht. Die Römer waren bekanntlich ansgezeichnete Juristen und hatten gewiß auch so eineu 269 St.-G.-B. gehabt, der — verhältnismäßig leichte — Strafen auf Ueberfälle eines Teiles der Bevölkerung gegen den anderen, sowie auf allerlei Massenbewegungen, die auf dem vulkanischen Boden der sozialen Gegensätze sich ereigneten, vorsah. Nun nehmen wir ein allgemein bekanntes historisches Vorkommnis: „König Herodes erläßt den Befehl, daß alle in einer bestimmten Nacht zur Welt gekommenen jüdischen Kinder männlichen Geschlechts getötet werden, damit die Weissagung sich nicht erfülle, daß der Erlöser geboren werde. Er wurde aber doch geboren. Und nun ergießt sich der Strom de.r Mörder über die Stadt, sie überfallen die jüdischen Häuser, begehen Gewalttätigkeiten, entreißen kleine Kinder ihren Müttern und erdrosseln die Knäblein. Unter den Mördern sind manche gedungen, manche überzeugte, freiwillige Fanatiker. Kann man dies etwa als eine Volkserhebung betrachten oder ist es als Ueberfall eines Teiles der Bevölkerung gegen einen anderen aufzufassen? Es war ja einfach die Ausführung eines verbrecherischen, höheren Ortks ausgegebenen Befehls! Nun erinnern Sie sich, was die Zeugin Berta Chadjchi und viele ändere ausgesagt haben, daß mehrere Leute aus dem Volke einige Tage vor Ostern die Juden neckten und ihnen zuriefen: „Wozu schmückt ihr denn eure Wohnungen zum bevorstehenden Feste, es ist ja ein Befehl herabgelangt, euch alle insgesamt totzuschlagen!" Diese Ueberzeugung war eine allgemeine. Es ist also zweifellos die Aufgabe des Gerichts, vor allem fest, zustelien, wer der eigentliche Entrepreneur, der Urheber, der Autor dieser Gerüchte war; w e r hat sie ersonnen, erdacht und wie eine Brandfackel in die Volksmenge geschleudert — diese unerhörte,