Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 30 (sequence 11)
- Language
- German
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30 Im deutschen Reick enthaltung dem Antisemiten Pretzel zur Erneuerung seines Mandats für die Stadtverordnetenversammlung zu verhelfen, wird dies niemand mehr glauben. Trotz dieser eigentümlichen Parteinahme des „Vorwärts" für den Mann, dem das Blatt einst selbst vorgeworfen, in der Stadtverordnetenversammlung die Arbeiter beschimpft und sich auch bemüht zu haben, die jüdischen Lehrkräfte an den Berliner Gemcindeschnlen zu vermindern, ist Herr Pretzel in der am >5. Dezember im 2. Berliner Konimunalbezirke stattgehabten Stichwahl mit 783 Stinrmen dem liberalen Kandidaten Leis, welcher 849 Stimmen erhielt, unterlegen. Im Roten Hause giebt es nun keinen Vertreter der kulturfeindlichen antisemitischen Bewegung mehr; hoffentlich wirkt jetzt das Beispiel der Reichshauptstadt vorbildlich auch auf andere deutsche Städte zurück, in denen sich noch immer einzelne Stadtverordnete den antisemitischen Sport der Schächteinschränkungen und Schächtvcrbotc gestatten dürfen, der im Grunde doch nichts weiter ist als ein Mißbrauch der Autonomie der Gemeinde zur Umgehung des gesetzlichen verbürgten Schutzes einer religiösen Einrichtung. Wie die Antisemiten die mit Recht hcchgchaltenc Selbständigkeit der Gemeindeverwaltungen für ihre Parteizwecke auszunutzen verstehen, zeigen die Verhältniffe in der österreichischen Rcichshauptstadt, die stch unter dem Oberbürgermeister Or. Carl Lueger so gestaltet haben, daß nicht nur die jüdischen, sondern auch alle liberalgcsinnten Bürger Wiens Grund haben, eine Wandlung dringend hcrbcizuwünschen. Die Macht des Klerikalismus, durch welche die christlich-soziale Partei in Oesterreich emporgekommen ist und aufrecht erhalten wild, ist aber so groß, daß die schlimmen Folgen dieser antisemitischen Wirtschaft Luegers noch weit mehr als jetzt an das Tageslicht treten müssen, ehe in Wien die Nachteile der jetzigen Umschmeichelung ungebildeter Masten auch von den maßgebenden Kreisen gewürdigt werden dürften. In Frankreich, wo die Klerikalen lange Oberwasser hatten und zum Nachteil für ihre eigene Sache die antisemitische Giftpflanze großzogen, bis diese durch die Dreyfus-Sache zur vollsten Blüte gelangte, hat die weitaus g> ößtc Mehrheit der Bevölkerung noch rechtzeitig eingesehen, daß ein Staat, i« dem eine solche Sumpfpflanze gezüchtet wird, zu ganz ungesunden Verhältnissen gelangt und schließlich den Ruhm eines Kulturstaats verwirkt. Die ftanzösische Regierung läßt sich in dieser Ueberzeugung auch nicht mehr durch das heisere Geschrei beirre», welches jetzt die „nationalistischen" Raben auS Anlaß der nochmaligen Revision des Dreyfus-Prozeffes erheben. Was dabei die Patriotenliga, die antijüdische Föderation und ihre sozialistischen Verbündeten vorbringe», ist so dürfttg, daß eS der Regierung kaum miß-