Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 29 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 29 die sogenannte „Berliner Bewegung" wieder auf den Strumpf zu bringen. Der Redakteur Kammer entblödete sich nicht, in einer Berliner Versammlung des „Deutschen Antisemitenbundes" das alte „Märchen" aufzutischen, ein jüdisches Blatt habe die schamlose Gemeinheit geschrieben, „wenn sich die Jungfrau dazu verstanden hätte, uns noch einen Buben im Sommer zu bescheren, so hätten wir zwei Christtage gehabt." Unzählige Male ist nachgewiesen worden, daß weder die demsche jüdische „Deborah" in Cincinatti, welche die Antisemiten als jene Zeitschrift bezeichnet haben, noch irgend ein anderes jüdisches Blatt jemals etwas ähnliches veröffentlichte; aber für jene, die nie alle werden, scheint eine solche blödsinnige Erfindung doch immer noch als brauchbar betrachtet zu werden, besonders wenn man nicht Geist genug besitzt, neue Märchen zu ersinnen. Der Redaktionsgenosse des Herrn Kammer, der Herr Reichstagsabgeordncte Böckler, der mit ihm gemeinsam die antisemitischen Versammlungen durch seine Heftigkeit zu würzen bestrebt ist, scheint es besonders auf den Staatssekretär Graf Posadowsky abgesehen zu haben, dessen Anwesenheit im Reichstage er öffentlich als völlig überflüssig bezeichnete, da er auf die .gesunden Wirtschaftspolitik-Vorschläge" des Grafen Reventlow nicht näher eingegangen sei und sich auf den „Saisonmittelstand" in den Warenhäusern versteife, jener modernen Wirtschaftsblüte, die die Ehen vermindere und damit die Grundlagen des Staates untergrabe. Mit solchen Reden können die Korvphäen des „Deutschen Antisemitenbundes", wenn sie von Dorf zu Dorf ziehen, vielleicht noch eine anspruchlose Zuhörerschaft erbauen, in Berlin aber ihre Sache nur vollständig zugrunde richten. Aber selbst ihre Wahlerfolge in der Provinz danken diese Antisemiten weit weniger der Begeisterung weiter Dolkskreise für ihre Tendenzen, als der Unterstützung, welche ihnen andere politische Parteien in der irrigen Annahme geliehen haben, daß der Antisemitismus das wirksamste Mittel sei, den Liberalismus nicht wieder emporkommen zu lassen. Selbst die Sozialdemokraten haben ans diesem Grunde an manchen Stellen antisemitische Wahlen gefördert und damit wenigstens soviel erreicht, daß sich nun einerseits einige antisemitische Großsprecher in den Parlamenten den Regierungen als die geeignetsten Bekämpfet der Sozialdemokratie anpreisen können, andererseits aber die widersinnige Rederei der konservativen Blätter nahezu verstummt ist, wonach alle Juden Verbündete der Sozialdemokraten und diese sämtlich gewissermaßen Söldner des Judentums sein sollten. Seitdem der „Vorwärts" bei einem Erfolge der sogenannten „Sonnemannokratie" das liebliche Wort „Mansche oben". prägte und sich bemühte, durch die Empfehlung der Wahl-