Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 24 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316714-2316716--11983-2332761- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Im deutschen Reich. seine unberechtigten Angriffe auf ihre Religion wieder sehr gefestigt hat, ist eine Wahrheit, die schließlich auch von christlicher Seite anerkannt werden müßte. Wenn der ehemalige Hofprediger seine Reichstagsrede am 13. Dezember mit den Worten schloß: „Die Wahrheit wird durchbrechen, wenn auch nach langem Kampfe, das ist die Wahrheit der reinen Freiheit, nicht die Wahrheit des sozialdemokratischen Staates," so hat er ein Wort gesprochen, das wir uns ancignen können, nicht in seinem Sinne, sondern in dem unfern. Daß er vorher gegen die „Komödianten des Bürgertums" und die „Komödianten des Plebejertums" geeifert hatte, und stch daher von Bebel den Zuruf „Komödianten der Theologie" gefallen lassen mußte, sei nur nebenher erwähnt. Wir hoffen, daß das Ende der antisemitischen Komödie der endliche Sieg der Wahrheit, der Glaubens- und Gewissensfreiheit im freien monarchischen Staate sein werde! Die geistvolle Auseinandersetzung des deutschen Reichskanzlers mit der Sozialdemokratie ist für uns von nebensächlicher Bedeutung; wertvoll war aber jedenfalls die daraus zu schöpfende Ucbcrzeugung. daß die Reichsregierung „sanft in der Form, jedoch fest in der Sache" alle Umsturzversuche, also auch die von den „verkappten Anarchisten" geplanten, abzuwehrm entschlossen ist. Diese Ueberzeugung wird noch wesentlich bestärkt durch die Unzufriedenheit der antisemitischen Presse mit dem Regierungsprogamm, das ihrem Rezept allerdings in keiner Weise entspricht. Die Nachricht, daß durch eine Verfügung des Ministors des Innern die Landräte und ersten Bürgenneifter der Stadtkreise, angewiesen seien, die von dem Reichskanzler gegen die Sozialdemokratie gehaltenen Reden zur Kenntnis möglichst weiter Volkskreise zu bringen, brachte die „Staatsbürger Zeitung" mit der verletzenden Ueberschrift: „Mit diesem Häuslein wollt Ihr Uri zwingen?" und mit dem boshaften Zusatz: „Das Papier wird vor allem der Landbevölkerung sehr willkommen sein!" Von derselben Gesinnung zeugte die Bemerkung der „Staatsbürger-Zeitung": „Vielleicht könnte man die zur Verbreitung bestimmten Reden des Grafen Bülow auch in Verse bringen Reime wie Engel und Bengel drängen sich ja geradezu auf — und nach der Weise „Lieb' Vaterland, magst ruhig sein" in Dorf und Stadt absingen lassen." Der Groll der Antisemitenpressc. ist also unverkennbar selbst dadurch nicht beschwichtigt worden, daß Graf Bülow jeden Ausdruck des Abscheues vor den Taten der südrujsischen Gesinnungsgenossen der deutschen Antisemiten unterdrückte, sich vielmehr durch die heftigen Aeußerungen Bebels übet den russischen Minister von Plehwe gedrungen fühlte, dem Ausspruch vom „russischen Barbaren staat" entgegenzutretcn. Darum wird dies doch kaum jemand ernstlich