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Im deutschen Reich · 1904-01-01 · Heft 1 (Januar 1904) · p. 17

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
10 (1904)
Issue
Heft 1 (Januar 1904)
Article
Der Ewige Jude - kein Jude!
Date
1904-01-01
Page
17 (sequence 5)
Language
German
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Der Ewige Fude — kein Jude. 17 jage für ihren persönlichen Vorteil ausbeuteten, denn nach den verschiedensten Berichten wurde der Ewige Jude, der sich bald Joseph, bald Isaak, bald Ahasver nannte, in den verschiedensten Ländern mtb zu den verschiedensten Zeiten gesehen — außer den bereits erwähnten Fällen 1547 in Wittenberg, 1642 in Leipzig, am Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhunderts in England. Im Ulmer Alter-, tumsverein wurden kürzlich anläßlich eines vom Diakonus Klemm gehaltenen Vortrages über den „Ewigen Juden" große und schwere, aus Hunderten von Lederstreifen und Flecken zusammengesetzte Schuhe vorgezeigt, welche Ahasver vor langer Zeit auf der „oberen Bleiche" in Ulm zurückgelassen haben soll. Diese im dortigen Altertumsverein vorhandenen sogenannten Pönitcntiarschuhc beweisen aber für die Ahasver-Sage so gut wie nichts, denn im Mittelalter ist solches seltsame Schuhwerk bäufig von Reuigen zur Abbüßung ihrer Sünden getragen worden. Von Deutschland aus hatte sich die Sage zuerst nach Frankreich verbreitet, wo sie in Champfleurys 11 i^toire de l iinagerie wieder, gegeben und insbesondere durch eine Erzählung in den Pariser Briefen des sogenannten „türkischen Spions", des Italieners Giovanni Paolo Marano, im Jahre 1644 Aufsehen erregte. Marano wollte u. a. von dem „Ewigen Juden" wunderbare Aufklärungen über den Verbleib der 10 Stämme Israels erhalten haben. Im 17. Jahrhundert erregte eine ähnliche Mitteilung der Madame de Mazarin gleiches Aufsehen. Danach sollte der „Ewige Jude" sich in England als Beamter des Sanhedrinö vorgestellt und die tüchtigsten Profefforen der englischen Universitäten durch sein Sprachtalent und seine genauen theologischen Angaben in Staunen versetzt haben. Zu gleicher Zeit wurde die Sage in Frankreich auch von dem Historiker Boutfrays und dem Jesuiten Boulangcr besprochen. Bald darauf erschien „L'histoire adinirable du juif errant", ein Volksbuch, in welchem der Bericht des Bischofs von Schleswig, Paulus von Eitzen, mit geringen Abänderungen wiedergegeben wird. Von da ab wurde diese ursprünglich deutsche Sage in Frankreich sehr volkstümlich und klang in vielen Volksliedern wieder. Selbständiger behandelte man den Stoff in Belgien, wo man den Ahasver umtaufte und „Isaak Laquedem" nannte, was „Mann der Dorwelt" heißt und doch immer wieder auf die ursprüngliche Dichtung zurückweist. In allen Versionen aber, gleichviel, wo die Sage erzählt wird, kehrt stets die alte Darstellung wieder, Jesus habe dem hartherzigen, aber nach Jahrhunderten voll Qualm tiefreuigen Wanderer einst zugerufen: „Du sollst gehen bis zum jüngsten Tage!"

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