Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 10 (1904)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1904)
- Article
- Die Aufgaben der jüdischen Abgeordneten im neuen Landtage
- Date
- 1904-01-01
- Page
- 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Im deutschen Reichhcrausgestellt hat, in Menge, und doch, wie wenige Juden sind im Eisenbahnwesen angestellt! Wir bezweifeln, ob es heute in Preußen einen jüdischen Lokomotivführer gibt, welchen Posten bereits vor mehr als 40 Jahren der in Berlin ansässige Vater des jetzigen sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Eduard Bernstein bekleidet hat. Aber auch im höheren Eisenbahndienst, wo cs an jüdischen Bewerbern sicherlich nicht fehlt, ist die Zahl der angestellten Inden sehr gering. Beiläufig bemerkt, sollen auch bei der Besetzung der viel begehrten Stellung eines Eisenbahnarztes qualifizierte jüdische Bewerber, sogar solche mit dem Titel eines Medizinalrats, Kreisärzte — die früheren Kreisphysici — vielfach gegenüber jüngeren christlichen Bewerbern zurückgesetzt worden sein. Ob in der Sache System liegt? Eine gelegentliche Anfrage an den Herrn Eisenbahnminister könnte durchaus nichts schaden. Auf dem nahe verwandten Gebiet des Baufachs, das zum größten Teil auch dem Eisenbahnminister untersteht, dem Minister für das Verkehrswesen, richtet sich di: Anstellung von Juden offenbar nach dem manchesterlichen Prinzip von Angebot und Nachfrage in dem Sinne, daß Juden nur im Notfälle, wenn gerade Mangel an geeigneten christlichen Kräften herrscht, zur Anstellung gelangen. Ist aber Ueberfülle vorhanden, wie es augenblicklich schon seit einigen Jahren der Fall zu sein scheint, so werden selbst angesteüte jüdischem Baumeister, die bereits Kasernen-, Schul- und andere öffentliche Bauten ausgeführt haben, als Gewerbeinspektoren nach dem Handelsministerium hinüberbugstert. Wie es mit der Anstellung jüdischer Oberlehrer steht, ist allgemein bekannt. Augenblicklich ist der Bedarf nn Neuphilologen und Mathematikern noch nicht vollständig gedeckt; deshalb waren die Anstellungsverhältniffe jüdischer Anwärter, die sich aber zu unserem Leidwesen bald ändern dürsten, auf das höhere Lehramt nicht gerade ungünstig, jedenfalls günstiger als im Volksschulwesea, wo der bisherige einzige antisemstische Stadtverordnete in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, Pretzel, wie er sich jüngst öffentlich rühmte, die Anstellung jüdischer Lehrkräfte durch persönliche Vorstellung bei dem betreffenden Dezernenten erfolgreich Hintertrieben hat. Hat sich etwa eine derartige, mit der Verfaflung unvereinbare Hintertreppenpolitik auch hinsichtlich der geprüften Medizinalbeamten geltend gemacht? Es gibt ja unter den Juden eine ganze Menge qualifizierter Medizinalbeamten, ohne daß man im letzten Dezennium, mindestens in dm letzten ö Jahren, die Neuanstellung eines jüdischen Kreisarztes — früher KreiSphyfikus genannt — erlebt hätte.