Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 725 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau. 725 Grausamkeiten vorgekommen seien. Der frühere Kronsrabbiner ELLinger berichtete, daß roh vergewaltigte Frauen und Mädchen zu ihm geflüchtet und von ihm über deren Behandlung Protokolle ausgenommen seien. Auf die Frage an den Kultusvorsteher Mutschnik, ob nicht der frühere Bürgermeister Schmidt aus einer jüdischen Familie stamme, antwortete dieser entschieden verneinend. Am 25. November bekundeten zwei Geistliche, daß die antisemitische Nachricht von der Verunreinigung einer Kirche und. der Ermordung eines Priesters vollständig erfunden war. Der antisemitische Polizeikommissar Solonkin machte die wichtige Aussage, daß auf dem Schauplatz kein einziger Jude mar, und das Karussel gesperrt gewesen sei. Gelegentlich der ersten Unruhen enthielt auch das offizielle Kommunique die Behauptung, daß ein Jude bei den Volksbelustigungen eine christliche Frau und ein Kind gestoßen und verletzt und damit den Anstoß zu dem Aufruhr gegeben habe. Durch die Aussage des Vizedirektors der Strafanstalt wurde festgestellt, daß Pronin der Verfasser der aufreizenden Proklamation und der gewesen sei, der den Priester Johann von Kronstadt dahin brachte, daß er eine die Ercesse verdammende Epistel durch eine solche mit entgegengesetzter Tendenz ersetzte. Pronin bekannte sich zu dem Pamphlet; er habe seine Behauptungen nur auf das gestützt, was er gehört, aber nicht gesehen habe; zu Johann von Kronstadt lei er aus eigenem Antriebe gereist. Während Pronins Vernehmung war der neue Gouverneur Fürst Urufiow anwesend, der, wie es heißt, Pronin wegen seiner hetzerischen Thätigkeit ausweisen will. Die deutsche Antisemitenpresse ist von dem Gange der Gerichtsverhandlungen nicht erbaut. - Wenn die „Staatsbürger - Ztg." ihre Entrüstung darüber kundgibt, daß ein jüdischer Kronsrabbiner über die Heldentaten ihrer russischen Gesinnungsgenossen Protokolle aufzunehmen gewagt hat, ist ihr entgegenzuhalten, daß er dazu genau so befugt war wie das unter der Aegide der „Staatsbürger Ztg." eingerichtete „Konitzer Nebentribunal", dessen Protokoll-Aufnahmen für die antisemitischen Zeugen in den verschiedenen Prozessen so „belehrend", für die behördliche Untersuchung aber nichts weniger als aufklärend gewirkt haben. Die krampfhaften Anstrengungen des Berliner Antisemitenblattes, seine Gesinnungsgenossen in Kischinew reinzuwaschen, zeigen deutlich, w o die russischen Richter die intellektuellen Urheber der Grausamkeiten in Südrußland eigentlich zu suchen hätten — unter den Leuten, die zu schnöden Geschäftszwecken jene aufregenden Ritualmord - Märchen verbreitet und. das Garn zu jenen Lügengeweben geliefert haben, in das sich im fernen Auslände zum Unglücke für Juden und Christen unzählige ungebildete