Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 721 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316713--11842-2332597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 721 Kandidatur entging und im preußischen Abgeordnetenhause nun keine antisemitischen Reden „zum Fenster hinaus" halten kann, ist für viele Antisemiten fast ebenso schmerzlich wie die Tatsache, daß im preußischen Landtage sechs Juden S'tz und Stimme haben. Wenn es die „Kreuz-Ztg." oder die „Toleranz" bedeutsam finden sollte, daß diese Sechs sämtlich Sitze auf der Linken suchen werden, dürfte man darauf wie jener alte Rabbiner antworten, der als der erste jüdische Abgeordnete in Oesterreich Anschluß an die Linke suchte, und dies damit rechtfertigte, daß „die Juden doch noch nickt alle Rechte Härten!" Der internationale Charakter des Antisemitismus verleugnet sich nie, trotzdem die Antisemiten gerade sich als die eigentlichen Vertreter des nationalen Prinzips hinstellen und für ihre geschäftlichen Umtriebe mit Vorliebe Mißbrauch mit der schwarzweißroten oder schwarzrotgoldenen Fahne trerben. Der Kunsthändler Sedastlan Ofterrieder in München hat kürzlich nicht nur den deut chen, sondern auch den österreichischen Papst rhändlern seine Ritualmord-Ansichtskarten in einem Rundschreiben angstbeten, in dem er erklärte, daß das Motiv der Karte einem historischen, für unsere Zeitverhältmffe interessanten Gebiete entnommen und in sttzter Zeit verschiedene alte Altargemälde gefunden worden seien, die auf den „Ritualmord" Bezug nehmen, bezw. „denselben Nachweisen". Die Vorlage sei die Kopie einer solchen. Aber gerade dieser Hinweis aus die antisemitische Tendenz der Ansichtskarte, welche die angebliche Hinschlachtung Simons von Trient daistellt, über welche sich Papst Sixtus VI. so äußerte, als'ob er keineswegs die Juden für die Mörder hielte, hat das Landgericht München veranlaßt, die Beschwerde Ostenstders gegen die B schlagnahme der aufreizenden U. sichtskarte zu verwerfen. Auch die österreichischen Behörden sind der Ansicht, daß diese neueste Blüte des Geschäftsantisemitismus keine blutige Frucht zeitigen dürfe. Wie im Novembers ft der „ Monatsschrift der Oester rerchisch-Jsraeütrschen Union" mitgeteilt wird, ist nicht nur vom Landesgerichte in Prag und vom Landesgerichte Wien das Verbot der Weiterverbreitung' der Ansichtskarte und des Cirkulars ausgesprochen worden, sondern ferner begründete Aussicht vorbanden, daß auch die westere Verbreitung einer anderen, von A. Czichna in Innsbruck aufgelegten Ritualmord-Postkarte mit der Darstellung der angeblichen Ermordung des Knaben Andreas von Rinn untersagt werden wird. Auf den österreichischen GeschästsanLisemitismus hat neuerdings ein Ehrenbeleidigungsprozeß in Lstitmerih ein grelles Licht, geworfen. Dort hatte der Rabbiner vr. Max Schornstein öffentlich erklärt, daß das „Leitmeritzer Wochenblatt", das ostdeutsch und .dessen