Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 719 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 719 fein Hehl gemacht, daß „sie gegen eine ehrliche Mitarbeit der Juden bei den nationalen -Parteien in angemessenem Verhältnis nichts einzuwenden habe", aber es verhütet sehen möchte, daß „sich Edelhebräer unter nationaler Flagge noch mehr als bisher zu der Krippe der Regierung drängen und die jüdische Hochfinanz mit den Inhabern der Ministerhotels verschwägern". Auch die „Kreuz-Zeitung" erklärt, an der Ehrlichkeit und dem guten Willen der sich ihren Gesinnungsgenossen als Gefolge anbietenden jüdischen Hintermänner der „Toleranz" nicht zu zweifeln, daß aber dabei nur von einer „Anerkennung gemeinsamer Interessen, nicht von Verschmelzung" die Rede sein könne. Ob ein so geringer Lohn den dafür geforderten Dienstleistungen entspricht, muß bezweifelt werden; offenbar würde von den judenseindlichen Kreuzzeitungsrittern sogar jede Annäherung der Juden abgelehnt werden, wenn sie nicht von dieser Gefolgschaft eine Schwächung der Sozialdemokratie erhofften, die sie bisher als mit den Juden verbrüdert betrachteten. In Wirklichkeit sind aber die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens in politischer Beziehung mit keiner Partei enger verbunden, sondern folgen ohne Rücksicht auf einander ihrer freien politischen Ueberzeuguug, ohne für ihre Parteinahme irgendwelche Entschädigung für sich oder ihre Stammesgenoffen zu fordern. Die politischen Parteien haben sie auch nie durch besonders überströmende Dankbarkeit verwöhnt, und wenn sie in einzelnen Fällen sich der jüdischen Bevölkerungsminderheit wirklich tatkräftig angenommen haben, so geschah es unverkennbar nur, um nicht den Grundsätzen des Liberalismus untreu zu werden oder um nicht mit der Preisgebung der Gleichberechtigung der Juden auch andere freiheitliche Errungenschaften zu gefährden oder durch Zulassung von Ausnahmegesetzen auch für andere Bevölkerungsschichten ein bedrohliches Präzedenz zu schaffen. Insofern unterscheiden sich die Empfindungen mancher Angehörigen der oppositionellen Parteien nicht wesentlich von den der Anhänger der „Kreuz - Zeitung", welche jede Verschmelzung ablehnen und sich nur auf „Anerkennung gemeinsamer Interessen" einlassen wollen, in widersinnigster Weise aber immer wieder von den engsten Beziehungen des Judentums zur Sozialdemokratie faseln. Bestünden solche Beziehungen wirklich, dann hätte nicht das Hauptorgan dieser Partei, der „Vorwärts", bei der Veröffentlichung von Kriegsbriefen des Majors von Kretschmann, des verstorbenen Vaters der Sozialdemokratin Lilly Braun, auch die krasse Verleumdung mit veröffentlicht, daß „im Kriege jüdische Agenten durch gefälschte Dokumente Vieh, Getreide, Mehl requiriert, dafür keinen Pfennig gezahlt und ihre Beute dem Oberkommando zu hohen