Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. 712

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Die Central-Vereins-Versammlung in Posen
Date
1903-12-01
Page
712 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2316602-2316701-2316713-2332497--11831-2332588
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

712 Im deutschen Reich. glauben, sie bedürfen des SchlagworLes vom jüdisch-nationalen Staat, um die Millionen von Juden zur Auswanderung nach Palästina bringen zu können. Das mag richtig sein für die galizischen, rumänischen und russischen Juden, aber das ist nicht richtig für uns westeuropäischen Juden. Hier will die Judenfrage in jedem Land verschieden gelöst werden. Bei mir ist das Judentum nicht Nation, bei mir ist es Religionsgemeinschaft. Wie man ein doppeltes Nationalgefühl haben kann, ist mir unverständlich. Ich habe ein Koschentiner und Tarnowitzer Heimatsgefühl, ein schlesisches Provinziaigefühl, ein preußisches Landesgefühl, ein deutsches Reichsgefühl, ein germanisches Völkerschaftsgefühl, aber ich habe kein jüdisches Nationalgefühl. Ich bin vielleicht etwas weniger chauvinistisch, etwas mehr kosmopolitisch als mancher moderne Teutone. Ich habe diesen Zug gemeinsam mit unfern deutschen Geisteshelden. Ich differenziere mich auch als Bürgerklnd, als ein humanistisch erzogener Mensch, als Akademiker, als Liberaler von dem deutschen Händler, Handwerker oder Bauern; mit einem jüdischen Nationalempfinden hat mein jüdisches Empfinden nichts zu tun, so wenig ein christliches Empfinden ein nationales Empfinden ist. Ich bin ein Deutscher, weil die deutsche Sprache, die deutsche Geschichte, die deutsche Literatur meine Sprache, meine Geschichte, meine Literatur ist. Ich bin auf deutschem Boden geboren und hoffe, auf deutschem Boden begraben zu werden; ich habe nicht das Bedürfnis, meinem deutschen Vaterlande den Rücken zu kehren. Derjenige Ziomst, der an mich appellieren würde, ich solle mich der osteuropäischen Juden aus Mensctll^chkeir annehmen, der wird bei mir ein warmes Herz finden. Dabei fürchte ich mich nicht vordem antisemitischen Vorwurfe der internationalen Solidarität. Wenn die Cmisten für die bedrängten Armenier eintreten, sagt man dann etwa auch, daß sie international sind? Soweit der Zionismus kolonisatorisch tätig ist, soweit er sich nicht festnagelt auf den jüdischen Staat Palästina, habe ich Sympathien für ihn. Ich fürchte mich auch nicht vor dem Zionismus. Viele werden den Schaden erst erkennen, wenn das große jüdische Reich begründet sein sollte; dann werden sich unsere Gegner darauf berufen, daß sie uns stets den Rat gegeben haben auszuwandern. Vorläufig wollen wir noch nebeneinander gehen und zur Hebung des Judentums beitragen, unbeschadet unsrer deutschen vaterländischen Gesinnung. Wir sehen mit Sorge und Schmerzen, daß es an einer Zusammenfassung aller geist-gen und nat onalen Kräfte des Judentums sehlt. Schon aus dem achten deutsch-jüdischen Gemeindetage habe ich daraus hingewiesen, daß es auf eine organisatorische Zusammen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.