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Im deutschen Reich · 1903-12-01 · Heft 12 (Dezember 1903) · p. 710

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 12 (Dezember 1903)
Article
Die Central-Vereins-Versammlung in Posen
Date
1903-12-01
Page
710 (sequence 3)
Language
German
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710 Im deutschen Reich. fragen Wandel geschaffen ist. Kein Bruderzwist, kein Zwist im eigenen Lager! Freuen wir uns, daß die Freisinnige Volkspartei, die Freisinnige Vereinigung und die Sozialdemokratie in jeder Weise unsre Forderungen unterstützt haben, lassen Sie uns nicht den Vorwurf der Undankbarkeit auf uns laden! (Stürmisches Bravo). Ich erinnere Sie weiter an den Fall Böckler-Komierowski. Man kann von uns jedwedes Opfer aus dem Altäre des Vaterlandes verlangen, aber man kann nicht verlangen, daß wir einen Mann wie Böckler wählen, daß wir uns und unserer Religion die Ehre abschneiden lassen. (Bravo.) Ich scheue mich nicht, es zu sagen: der Antisemilismus ist eine unvertilgbare Scbmach für die Menschheit. Ich schwanke keinen Augenblick, wenn ich vor die Wahl gestellt werde, einem Böckler, von Massow u. s. w. oder einem Polen meine Stimme zu geben, dann wähle ich einen Polen. Ich bin mir der Tragweite dieses Wortes voll und ganz bewußt. Wir wählen deutsch, weil wir deutsch sind. (Lebhaftes Bravo). Wer es aber wagt, den Juden einen Antisemiten als Kompromißkandidaten hinzustellen, der trägt die Verantwortung dafür, wenn wir Mann für Mann für die Polen stimmen. Ich erinnere Sie hier an das Wort des Herrn von Tiedemann: „Wer in Posen Antisemitismus treibt, sprengt mit sehenden Augen einen Teil des Bürgertums vom Deutschtum ab". Antiantisemitismus sei unsere Losung. In der Politik gilt der Grundsatz, daß man das kleinere Nebel wählt. Es mag, es darf Polen geben, wie es Deutsche gibt, aber es darf keine Antisemiten geben. Gewiß muß in den Ostmarken eine Politik der Sammlung getrieben werden; wer es aber wagt, den Juden (inen Antisemiten als Kompromißkandidaten hinzustellen, der trägt die Verantwortung dafür, daß die Juden für einen Polen eintreten. Die deutsche Ostmarkenpolitik ist ein Kind unserer Schmerzen, es besteht die Gefahr, daß die Juden in dem Kampfe zwischen Deutschen und Polen zerrieben werden. Ich habe den Eindruck, daß die Ostmarken. Politik den Fehler begehe, zuviel zu agieren; jede Kolonisation sei still und geräuschlos. Aktion erweckt Reaktion. Wer es unternimmt, religiöse oder nationale Minoritäten zu unterdrücken, dem wird es nicht anders ergehen, als dem, der sich müht, eine federnde Kraft niederzuhalten. Die Feder wird immer und immer wieder emporschnellen mit umso größerer Kraft, je mehr sie gepreßt wird. Das sieht man am Judentum, welches der Antisemitismus immer kräftiger zusammenschmiedet, je brutaler er aus dasselbe losschlägt, er erweist sich als die Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Ich sage., in der Ostwarkenpolitik wird zuviel agiert. Ist es wahr, daß die

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