Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Neues aus Galizien
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 706 (sequence 6)
- Language
- German
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706 Im deutschen Reich. „dem versteinerten Judentum, das auf feinem Wege durch die Welt hier liegen geblieben", der harten Schale um einen nunmehr tauben Kern gleicht, ist nichts zu erwarten. Es erstickt die Menschen im Banne des Rituals, „das man aus Aberglauben oder aus Furcht vor der Nachrede deö Nachbars nicht abzustreifen wagt," das aber nicht gleichbedeutend mit wirklicher Frömmigkeit ist. Was kommt, wenn in Galizien die Schlafenden geweckt, die Blinden sehend, die Trägen aufgerüttelt sein werden, ist Sache Hener Vereinigungen, als deren Sendbotinnen die Frauen das Land bereisten. Vor allem sollten sie den Stand der Sittlichkeit ergründen, und sie fanden, daß die Sittlichkeit nur ein Spiegel ist, in dem ein Abglanz der allgemeinen Zustände des Wirtschaftslebens, der Erziehung, der Wohn- und Lebensverhältniffe, der religiösen Geflogenheiten deutlich wird. Eine in geistiger und wirtschaftlicher Beziehung gleich ungebildete, arbeitsunlustige und gelangweilte, oder aber der härtesten Not ausgesetzte Bevölkerung muß notwendig in sittlicher Unfreiheit verharren und wird allen Krankheitserscheinungen der geschlechtlichen Unsittlichkeit einen nur allzu aufnahmefähigen Nährboden darbieten. Darum müssen alle Reform- und Hilssvorschläge einen wirtschaft-politischen und erziehlichen Charakter tragen. Da sollen neue Industriezweige geschaffen bezw. eingeführt werden. „Selbst auf die Gefahr hin, einige Jahre teurer zu arbeiten, wüßten Werkstätten und Nähstuben angelegt werden, um auf dem natürlichen Wege, auf Grund eines vorhandenen Bedarfes, das zu erreichen, was nach den Erfahrungen der I. C. A. und des Galizifchen Hilfsvereins auf künstlichem Wege so schlecht gelingt, nämlich einige Stellen dauernder Arbeitsgelegenheit zu schaffen." Ebenso werden Anweisungen zur Anbahnung einerrationellen und ertragreichen Geflügelzucht gegeben und ferner gezeigt, von wie hohem Wert es ist, wenn die Arbeiterschaft zum Verständnis des Wesens und der Wichtigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses erzogen wird. Den breitesten Raum nehmen die erziehlichen Reformvorschläge ein. Da sollen Krippen, Kindergärten, Erziehungsheime und Haushaltungsschulen gegründet, die Krankenpflege und Altersfürsorge soll saniert und so lange dies notwendig ist, das Pflegepersonal vom Auslande bezogen bezw. dort ausgebildet werden. Dann wird eine Erweiterung der ambulatorischen Krankenpflege vorgeschlagen, von der sehr richtigen Erwägung ausgehend, daß nicht genügend Mittel vorhanden sind, um Hospitäler in ausreichender Zahl zu erbauen, während das, was da ist, sehr wohl genügen würde, die ambulatorische Krankenbehandlung und die durch geschulte Schwestern geübte Hauspflege