Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Neues aus Galizien
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 703 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316713-2332495--11821-2332579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Neues aus Galizien. 703 Jammervolle Zustände herrschen in der Krankenpflege und Altersfürsorge. Don ihnen wird gesagt: „Zustände, wie das Siechenhaus in Tarnopol sie aufwerst, sind solche, wie sie unter Juden, denen die Pflege der Kinder und Alten als eine erste religiöse Pflicht gelten soll, unbegreiflich sind. 28 Betten von Greisen und unheilbar Kranken belegt unter der Aufsicht und Pflege eines einzigen Mannes, der aussteht, wie etwas, das ich sonst in Galizien kaum gesehen habe: wie ein Straßenkehrer." Der Pflege entspricht die. Kost. Anderswo fand man es besser, nirgends aber so, daß man es nicht begreiflich finden könnte, daß viele Kranke, dem Trieb der Selbsterhaltung folgend, ihre Heimat verlassen, um außerhalb derselben Pflege und Heilung zu suchen. Noch sind als Einrichtungen öffentlicher Wohlfahrtspflege einige Volksküchen und Volkskindergärten zu nennen, dann ein planloses Almosengeben, das, an einer Zentralstelle zusammengesaßt, unendlich viel Gutes wirken könnte, während es in seiner heutigen Uebung ein Glied mehr ist in der Kette der Ursachen, die zur Entsittlichung des Volkes führen. Wir begegnen andern Gliedern dieser traurigen Kette, wenn wir uns der Betrachtung des bürgerlichen und gewerblichen Lebens zuwenden. Da ist zuerst der Hintergrund eines an Dantes Hölle gemahnenden Wohnungselendes, auf das alles zutrifft, was nur je über sittliche und hygienische Mißstände des Wohnungswesens beobachtet, gesagt und geschrieben wurde. Auf ihm entfaltet sich der ganze Jammer einer armseligen Existenz, gleichviel ob der Hausvater sein Leben als Handelsmann fristet, oder ob er in einer der zahlreichen Industrien oder endlich als Landwirt ein kärgliches Brot findet. Gewiß gibt es auch wohlhabende Juden, aber ihre Zahl ist relativ klein, und viele der Handelsleute, die der antisemitische Sprachgebrauch als Blutsauger und Ausbeuter bezeichnet, verdienen in mühsamer Wochenarbeit gerade so viel, daß es zu Sabbatbrot und Sabbatkerzen reicht. Sie befinden sich mit ihren Familien in einem Zustande chronischer Unterernährung und ihre sonstigen Lebensansprüche sind zu solchem Tiefstand herabgedrückt, daß die Benchterstatterin meint: „Die Phantasie kommt förmlich in rasenden Galopp bei der einfachen Vorstellung des „Luxus" von zwei ganzen sauberen Hemden auf den Kopf der Bevölkerung." Die jüdischen Industriearbeiter sind ebenso gedrückt wie ihre andersgläubigen Arbeitsgenossen, die jüdischen Handwerker sieben an Geschicklichkeit oft den christlichen nach/ Ein hoffnungsreiches Moment aber tut sich bei der Betrachtung dieser Arbeiterkategorien aus: der Jude, der den Segen planmäßiger Arbeit kennen gelernt hat, umfaßt sie mit Liebe und der seinem Stamm eigentümlichen Intelligenz. Er