Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Neues aus Galizien
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 702 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316713-2332495--11820-2332578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
702 Im deutschen Reich. wo sie unter schlechten Einflüssen die Zeit der ersten Bildsamkeit verbringt, wird vielfach der Keim zu sittlicher Verwahrlosung und Verrohung gelegt. Anders die Baron Hirsch-Schulen. Ihre Wirksamkeit wird aufs höchste geschätzt. Aber — sie nehmen nur Knaben aus und auch diese werden neuerdings auf halbem Wege entlassen, da die Jewish Colonisation Association die vordem den Schulentlassenen bewilligten Lehrstipendien zurückgezogen hat, bezw. keine Neubewiüigungen mehr eintreten läßt. Das ist sehr und namentlich im Interesse fruchtbringender Colonisation zu bedauern, denn der Halbgebildete ist schlimmer daran und ist untauglicher fürs Leben als der, der nie aus einem, wenn schon beschränkten, so doch in sich geschlossenen Kreis herauskam. Für die Bildung der Mädchen ist schlecht gesorgt. Da der Schulzwang in diesem Teile des österreichischen Staatenkonglomerates eigentlich nur auf dem Papier besteht, so daß es fast den Anschein gewinnt, als ob es dem „Geiste der österreichischen Regierung besser Zusage, Tausende von Analphabeten heranwachsen zu sehen, als ebensoviele latente Intelligenzen durch Schulbildung zum Denken zu bringen," werden im günstrgsten Falle 3—4 Volksschulklassen „geendet", und das galizische Fräulein hält sich dann für gebildet und erzogen genug. Noch schlimmer als mit der Schule ist es mit der hauswirtschaftlichen Tätigkeit und mit der Kinderpflege bestellt. Es existieren im ganzen 3 Haushaltungsschulen, in Tarnow, Stanislau und Kolonien und außerdem 3 Waisenhäuser in Krakau, Lemberg und Brody, sodaß aus einer Mischen Bevölkerung von etwa 810 000 Seelen 100 bis 120 Mädchen etwas vermittelt bekommen, was einer Erziehung in Dingen der Hauswirtschaft und anderem gleichsieht. Bei uns kann und pflegt auch wohl in solchen Fällen die häusliche Unterweisung den Mangel an theoretischer Lehre zu ersetzen, in Galmen aber sieht es trübe in dieser Hinsicht aus. Die galizischen Frauen sind zu bequem und lässig und besonders in allen Stücken zu ungebildet, um den unvergleichlichen Wert geordneter Haushaltführung würdigen zu können; diese Haushaltungen, die demzufolge von Schmutz und Unordnung starren und in denen in dumpfen Gelassen ein verwahrlostes Geschlecht heranwächst, sind nicht die rechten Lehrstätten für häusliche Tugenden und eine vernünftige, gesundheitsgemäße Kinderpflege. — Und gar jene anderen Mädchen, die zu frühzeitiger Erw erbsarbei genötigt sind! Nach mühevoller, in vielen Fällen mit 80 Kr. bis 2 fl. entlohnter Wochenarbeit, suchen und finden sie ihre Ausspannung und ihr Vergnügen auf der Straße, eine leichte Beute der genußsüchtigst Jugend der besitzenden Klassen.