Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Feinde des Judentums und des Kulturfortschritts
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 698 (sequence 6)
- Language
- German
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698 Im deutschen Reich. hoffen wir, daß sie nicht auch in der Mortalitätsstatistik dieses Jahres wahrzunehmen ist." Daß diese Folgen der von den Antisemiten inszenierten Hetze nicht übertrieben dargestellt sind, erhellt auch aus den Ausführungen, die der Wiener ärztliche Mitarbeiter der „Münchner medizinischen Wochenschrift" macht, indem er schreibt: „Die Scheu gegen die Spitäler wird zunehmen, die Furcht vor Operationen wachsen, das Vertrauen in die Maßnahmen und Vorschriften der Aerzte sinken, uyd mehr denn je wird der physische und geistige Notstand sich vergrößern, da ja auch die prophylaktischen Maßnahmen der Behörden aus unfruchtbaren Boden fallen werden. Kurpfuscher und Gesundbeter werden für eine Zeit lang über die Vertreter der „gefühllosen Wissenschaft" den Sieg davon tragen." Und um noch eine gewiß einwandsfreie Meinungsäußerung anzuführen, will ich hierher setzen, was der christliche Aerztebund für Oesterreich zur Sache zu sagen hat. In einer einstimmig angenommenen Resolution vertritt er „die Ueberzeugung, daß die zu ernster Forschung vorgenommenen Tierversuche im Interesse des Fortschrittes und zum Wöhle der Menschheit unentbehrlich und vom sittlichen Standpunkte aus erlaubt feien, wie ja auch die christliche Moralphilosophie erklärt, daß nach göttlichem Gesetze das Tier für die Menschen erschaffen wurde und diese dem Tiere gegenüber keinerlei in dieser Hinsicht einschränkende Verpflichtungen haben." Die Resolution wendet sich sodann gegen die Debatten im Landtage, in denen sie eine schwere Schädigung des Aerztestandes erblickt, und schließt mit den Worten: „Die Rückwirkungen auf den ohnehin wirtschaftlich ganz darniederliegenden ärztlichen Stand werden nicht ausbleiben. Aber auch die Bevölkerung wird dadurch geschädigt, wenn das Vertrauen zum Arzte und die Achtung vor demselben sozusagen amtlich untergraben wird. Den einzigen Nutzen aus diesem Kesseltreiben gegen die Aerzte wird das Kurpfuschertum einheimsen." Das sind die Früchte, die aus der Saat der antisemitischen Volksbeglücker erwachsen. Und doch atmen die lärmenden Kundgebungen im Grunde genommen nur den Geist, aus dem heraus vermutlich auch der christliche Aerztebund für Oesterreich geboren wmde: den Geist der Intoleranz! Wer will sich bei solchen Zuständen darüber wundern, daß die Regierung bei der Besetzung der Lehrstühle an der Wiener Hochschule, die ehedem glänzende Zierden der Wissenschaft zu ihren Mitgliedern zählte, auf immer größere Schwierigkeiten stößt, so daß sich selbst für die einstige Lehrkanzel Theodor Billroth's kein Nachfolger finden wollte! Den Ansprüchen zu genügen, die Lueger und seine Gesinnung-