Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Feinde des Judentums und des Kulturfortschritts
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 696 (sequence 4)
- Language
- German
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696 Im deutschen Reich. „Leichenschändung" bezeichnet. „Sollten wirklich", so ruft die Wiener klinische Wochenschrift bei der Erörterung dieser unglaublichen Anwürfe aus, „die von Rokckanoky und Hyrtl begründeten und seither von den Nachfolgern dieser großen Meister emsig und hingebungsvoll ergänzten Museen, die einen ganz besonderen Stolz unserer Fakultät bilden, nichts anderes bedeuten, als Sammlungen leichenschänderischen Raubes?" Der fromme Hyrtl konnte nach eigenem Geständnis „die schöne Sünde nicht lassen, durch die Zergliederung von Gottes Ebenbild mehr von des Schöpfers Herrlichkeit inne zu wenden, als die Himmel uns davon erzählen, in der Ueberzeugung, daß das. was der Mensch wissen kann, er auch wissen darf". Sic transit gloria nrandi! wehklagte Meister Hyril, als er vom Turme der Elrsabethiner-Kirche in den Oktobertagen des Jahres 1848 zuseben mußte, wie seine Privatsammluug von 5000 Jnjektionsapparaten, Skeletten und Gehörorganen ein Raub der Flammen wurde. Sollte es wirklich notwendig sein, im Javre 1903, also nach nahezu 400 Jahren, daran zu erinnern, daß als Veial's. des ersten anatomischen Denkers großes Werk auf Befehl Kaiser Karls V. der Jnquisitionszensur vorgelegt und die theologische Fakultät zu Salamanca befragt wurde, ob es katholischen Christen gestattet sei, Leichen zu zergliedern, die Antwort bejahend ausstel?! Gerade das Zeitalter, welches Tausende von Unglücklichen den brutalen Launen des römischen Pöbels und seiner Imperatoren opferte, sie selbst den wilden Tieren vorwars, wollte der Anatomie nicht eine Leiche gönnen. Aber daran hätten wir wohl nie gedacht, daß auch wir dermaleinst die Leicheuzergliederung gegen neue Gegner zu schützen oätten, und daß auch für drese historischen Reminiszenzen jemals wieder eine Zeit kommen könnte, in der sie eine fast aktuelle Bedeutung gewinnen sollten. So lange die antisemitische Bewegung noch ihre Wellen schlägt, muß man sich das „Nil admirari“ zum Grundsätze machen. Ihr reaktionärer GCst fällt dem rollenden Rade der Zeit in die Speichen und schraubt den Kulturzustand um Jahrhunderte zurück. Es ist begreiflich, daß die wüsten Debatten im niederösterreichischen Landtage in der ganzen gebildeten Welt das peinlichste Aussehen machten, begreiflicher noch, daß sich der ärztlichen Kreise, nickt nur Wcens und Oesterreichs, fonde n aller Kulturländer die größte Err gong bemächtigte. In einmütigen Kundgebungen wiesen die zunächst beteiligten Univeisträlolehrer, Aerzte und Studierenden der Heilkunde die schmählichen Angriffe zurück. Das Wiener medizinische Prosessorenkollegium protestierte gegen die leichtfertigen und gehässigen