Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1903)
- Article
- Die Feinde des Judentums und des Kulturfortschritts
- Date
- 1903-12-01
- Page
- 695 (sequence 3)
- Language
- German
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Die Feinde des Judentums und des Kulturfortschrittes. 695;egerr. Dem gänzlich Unkundigen mag es ja human erscheinen, den Tieren niemals ein Leid anzutun. Aber geschieht denn das nicht in höherem Maße und viel häufiger zu anderen, niedrigeren Zwecken? Ist nicht die Dressur der Pferde und Hunde ein viel grausameres Verfahren, das diese Tiere sozusagen ihr ganzes Leben über erdulden müssen, als eine unter Chloroformnarkose ausgeführte einmalige Vivisektion? Und zu welchem Zwecke wird denn die Dressur der Tiere ausgeführt? Zur Bequemlichkeit, zum Vergnügen und zum pekuniären Vorteil der Menschen. Das ärztliche Tierexperiment soll dem körperlichen Wohl und der Erhaltung vieler Menschenleben dienen, und dient ihm in hohem und immer höherem Grade. Das haben sich wohl die Gegner der Vivisektion noch niemals gesagt. Wahrlich, wer die Tatsachen kennt, welche mit dem Tierexperiment in der Medizin Zusammenhängen, der kann sich der Ansicht nicht verschließen, daß das Tierexperiment eine Notwendigkeit ist, wenn man es so nennen will, ein notwendiges Uebel. Was wollen denn die Humanaster männlichen und weiblichen Geschlechtes? Sie wollen human sein den Tieren gegenüber, um inhuman zu sein gegen die leidende Menschheit; denn darauf kommt es doch schließlich hinaus. Die Menschen, speziell die kranken unter ihnen, sollen büßen dafür, daß die Tiere, d. h. ein ganz kleiner Prozentsatz derselben, nicht dem experimentierenden Arzte in die Hände fällt. Wer das im Ernste will, der weiß nicht, was er tut, und ist schuld an dem Tode mancher seiner Mitmenschen?' So wenig gerade die Antisemiten, die bei ihrer Menschenhetze vor keinen Rohheiten zurückschrecken, dazu berufen sind, sich zu Tierschützern aufzuwerfen, so ist.doch die Tatsache bekannt, daß sie dieses agitatorische Geschäft mit Vorliebe betreiben. Schon vor mehr als 20 Jahren kennzeichnete Dubois-Reymond in einem in der Berliner Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vortrage diese Erscheinung mit den Worten: „Wurden wir nicht Zeugen einer Bewegung, deren Schmach wir bei uns für so unmöglich hielten, wie Folter, Hexenprozesse und Menschenhandel? Dabei unterfängt sich sentimentale Ignoranz, deren Treiben sich von verleumderischer Angeberei und sträflichem Hetzen in seiner Wirkung nicht unterscheidet, wissenschaftliche Ilntersuchungsmethoden als frevelhaft zu brandmarken, welche schon Robert Hook und der gottesfürchtige Haller unbedenklich übten!" Aber nicht nur die Vivisektion, ohne die ein Fortschritt in der medizinischen Forschung heute garnicht mehr denkbar ist, ist den antisemitischen Bildungsfeinden ein Dorn im Auge, selbst die behördlich gestattete Entnahme kranker Organe aus Leichen zu Förschungs- und Unterrichtszwecken wird befehdet und verleumderischer Weise als