Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 663 (sequence 13)
- Language
- German
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Umschau. 663 aus allen Schulen hinausgeworfen zu werden, wir werden aber die Regierung zwingen, daß sie nicht tut, was die Sozialdemokraten, Wolfianer, Schoenerianer und ähnliches Gelichter wollen, sondern was wir wollen!" Seitz erwiderte, daß solche Angriffe für ihn Luft seien; er bewies dann an zahlreichen Beispielen, wie schulfeindlich die herrschende Landtagspartei sei. Die Abiturienten der Wiener Neustädter Lehrerbildungsanstalt müßten vor Ablegung der Prüfung dem Religionslehrer schriftlich das Ehrenwort geben, daß sie nie sozialdemokratischen oder alldeutschen Vereinen oder sonst einem Vereine beitreten werden, der sich in christlich-religionsfeindlichem Sinne betätigt. Unter Sozialdemokraten oder Schönerianer verstehe man aber alle solche Leute, die nicht „Hoch Lueger!" schreien; selbst die zahmsten Wassersuppen- Liberalen würden, wenn es sich um Anstellungen handelt, als solche hingestellt. Die sich nach Wien meldenden Lehrer müßten einen Revers unterschreiben, daß sie dem Lorenz Kellner-Verein beitreten werden, der sich offen zum klerikalen Programm bekennt, sonst würden sie nicht angesteüt. Das sei doch eine Erpressung, ein Gewissenszwang der niedrigsten Sorte. In Rußland zeigt sich noch deutlicher als in Oesterreich, daß die sogenannte Judenfrage von der allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Frage ganz unzertrennlich ist. Der Antisemitismus ist eine Sumpfpflanze, die nur dort mächtig emporwuchern kann, wo die Fäulnis überhand nimmt. Noch im vorigen Jahre hat der kluge russische Finanzminister Witte, nicht aus einer ihm kaum zuzutrauenden sudenfreundlichen Regung, sondern mit Rücksicht auf den wirtschaftlichen Niedergang Rußlands, sich für eine Erweiterung der Rechte der russischen Juden mit der Begründung ausgesprochen, daß sie ein sehr wichtiges und notwendiges Element des russischen Wirtschaftslebens bilden. Augenblicklich treten sichtlich in Rußland vor der antisemitischen Strömung alle volkswirtschaftlichen Erwägungen zurück. Die Judenpolitik der russischen Regierung ist aber auch in rein politischer Hinsicht durchaus verkehrt, denn sie führt zu Ereignissen, die man gerade vermeiden möchte. Wenn die russische Regierung sich dazu entschließen würde, die ungerechten Beschränkungen, denen die Juden in ihrer Erwerbssähigkeit unterworfen sind, allmählich aufzuheben, so könnte sie sicher sein, dadurch die große Masse der russischen Juden in patriotische Bürger umzuwandeln. Statt solcher Erkenntnis sich zu erschließen, fügt sich die.russische Regierung fortdauernd dem antisemitischen Terrorismus der Beamtenkaste, welche die verarmte Bevölkerung Südrußlands glauben macht, daß die Judenverfolgungen dem Zaren selbst willkommen seien. Wie englischen Blättern aus