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Im deutschen Reich · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. 664

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-11-01
Page
664 (sequence 14)
Language
German
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IRI
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664 Im deutschen Reich Odessa berichtet wird, ist jetzt in den südrussischen Städten das beunruhigende Gerücht im Umlaufs daß an den Juden gründliche Rache genommen werden würde, falls einer der an den Vorkommnissen in Kischinew Beteiligten dem Militärgericht zur Bestrafung überwiesen werden sollte. Statt aber Vorkehrungen zum Schutze der Freiheit der Richter zu treffen, haben die Verwaltungsbehörden in Kffchinew 200 Juden während der letzten Wochen unter der Anklage der Verbreitung aufrührerischer Schriften in Haft nehmen lassen. Es ist ein klägliches Schauspiel, welches die Stärkten bieten, in denen die Regierungen aus Rücksicht auf sogenannte Strömungen im Volksleben Ungesetzlichkeiten dulden und Ungerechtigkeiten ungesühnt lassen, „um nicht der Volksseele fremd zu bleiben". Die Machthaber haben nicht der Volksseele jede Laune abzulauschen, sondern die Pflicht, sie zu Gutem und Edlem heranzubilden, vor allem aber Recht und Gerechtigkeit hochzuhalten. Wo ne dieser Aufgabe sich widmen, werden sie in ihren Staaten bei den Juden keine selbstsüchtigen Streber, keine byzantinisch geschulten Höflinge, sondern die treuesten und opferwilligsten Staatsbürger finden. An dem Ausgange der Via triuinplialis der deutschen Reichshauptstadt stehen jetzt die Marmorgestalten des Kaisers und der Kaiserin Friedrich, welche beide den Antisemitismus als eine Schmach des Jahrhunderts betrachteten. Das ist der rechte Weg zum innern Frieden Deutschlands; im Vertrauen darauf, daß diese Erkenntnis sich Bahn bricht, stehen wir fest und wanken nicht. Wenn uns doch zuweilen banges Zagen ergreifen will, rufen wir uns immer wieder die Mahnung des Altmeisters Goethe zu: „Feiger Gedanken Bängliches Schwanken, Weibisches Zagen, Aengstliches Klagen, Wendet kein Elend, Macht dich nicht frei! Allen Gewalten Zum Trutz sich erhalten, Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei!" A. L.

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