Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 658 (sequence 8)
- Language
- German
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658 Im Deutschen Reich. Untersuchungen in der Konitz-Sache deutlich genug gezeigt. Nicht minder schlagend wird diese Behauptung bewiesen durch die antisemitische Wühlerei, die in den Ostmarken die Kluft Zwischen den christlichen und den jüdischen Deutschen beständig erweitert, durch die Anfeindung deulschgesinnter Juden der polnischen Agitation unbewußt oder bewußt Vorschub leistet und den „internationalen Antisemitismus" dabei offenbar höher bewertet als die „deutsch-nationale Sache", welche die Antisemiten zu vertreten vergeben. Daß solche, sonderbaren Volksfreunde bei der letzten Reichstagswahl Tausende von Stimmen erlangen konnten, auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen in manchen Gegenden wiederum Aussicht auf Erfolg haben, erklärt sich durch die traurige Wahrnehmung, wie sehr die Jdeallofigkeit und das kaltherzige Strebertum immer weitere Kreise erfassen, wie sehr eine maßlose Eigensucht das Streben nach echter Geistes- und Herzensbildung überwuchert. Schon jetzt sind viele Männer in Amt und Würden, die einst zur Corona bei den Vorträgen Treitschkes und Stöckers gehörten. Ihrem Nachwuchs aber wird in den Versammlungen, in denen Pückler, Bruhn und Böckler das Wort führen, beständig eingeredet, daß er durch geistige oder auch durch körperliche Mißhandlungen einer andersgläubigen Bevölkerungsmiuderheit die beste Anwartschaft auf die nationale Führung des deutschen Volkes gewinnen könne. Wäre der Ausspruch des Berliner Lehrers Pantsch auf dem Parteitage oer Freisinnigen Vereinigung „Unsere Studenten können nur Hurra schreien und auf die Inders wirklich Zutreffend, dann stunde es sehr schlimm um die Zukunft Deutschlands! Damit es dahin nicht komme, daß das genüge Leben der deutschen Jugend sich in Antisemitismus und Byzantinismus, in der bloßen ideallosen Sucht nach Gewinn und Genuß und nach Erreichung einer glänzenden Laufbahn erschöpfe — wahre, deutsches Volk, Deine heiligsten Güter! Sie waren überaus lehrreich, diese Parteitage, bei welchen in den letzten Wochen die politischen Fraktionen ihre Programme revidierten und ihre Scharen musterten. Der Tagung der „Deutschen Reformpartei" sind der stürmische sozialdemokratische Parteitag in Dresden, der Stöckersche Christlich-soziale Parteitag in Mülheim an der Ruhr und der Liebermannsche Deutsch-soziale Parteitag in Hamburg vorausgegangen. Die in allen diesen Versammlungen vorbereitete Mandatsjagd wnrd zweifellos zur Erweiterung des Zwiespalts führen, der schon jetzt die einzelnen antisemitischen Fraktionen trennt. Die gewundenen, aber immerhin deutlichen Erklärungen über ihre Stellung zur Judensrage, welche der Amtsgerichtsrat Holtschke-Soldin, der Ab-