Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 657 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 657 sinnung des Umsturzes" bezeichnen würde. Die Antisemiten gestatten sich sogar, dem Monarchen vorzuschreiben, wen er empfangen darf und wen nicht. So hat die „Staatsbürger-Zeitung" über die jüngste an den Generaldirektor Ballin ergangene Einladung ihre Verwunderung ausgedrückt und das antisemitische Hamburger „Deutsche Blatt" brachte die noch deutlichere Notiz: „Ballin wurde übrigens am 16. wieder vom Kaiser empfangen und frühstückte später mit ihm. Hoffentlich koscher". Mit einer an Taschenspieler-Kunststückeerinnernden Verdrehung des tiefernsten Kaiserwortes „Deutsches Volk, wahre Deine heiligsten Güter!" schloß Böckler am 22. Oktober seine Rede gegen „die Leute, die direkt oder indirekt über dem Judentume noch ihre schützende Hand halten". So wird ein Ausspruch mißbraucht, der in des Wortes edelster Bedeutung das deutsche Volk vor den seine gesetzliche Gesinnung und seine edle Gesittung bedrohenden katilinarischen Existenzen warnen müßte, ein Anspruch, der das deutsche Volk mahnen sollte, sich das Vertrauen zu seiner Rechtspflege, den Ruhm eines Kulturvolkes und die Segnungen echter Menschlichkeit nicht blindlings rauben zu lassen. Was bieten ihm denn jene Taschenspieler dafür? Die Verhandlungen des Reformer Parteitages haben es hinreichend gezeigt. Treffend sagt darüber die „Berliner Zeitung": „Die Mittelftandsretterer betreiben die wackeren Leutchen schon seit unvordenklicher Zeit; schon 1897 rief ihr Gesinnungsgenosse Professor Förster-Zehlendorf ihnen zu: „Mittelstand und Mittelstand, — daraus fitzen wir fest, ohne daß recht ersichtlich wird, was wir wollen und was wir nicht wollen". Der Mittelstand kann inbezug auf seine antisemitischen Gönner das Heine-Wort anwenden: „Aber bei all ihrem Protegieren hätt' ich können vor Hunger krepieren". Sie wissen nicht, was sie mit dem Mittelstand anfangen sollen, begnügen sich mit seiner geschäftlichen Ausbeutung für ihre Presse und ihre Wahlkriegskasse und haben jetzt beschlossen, einen zehngliedrigen Ausschuß einzusetzen, der bis zum nächsten Jahre sagen soll, wie man den Mittelstand retten kann. Der mit dem neuen Namen „Deutsche Reformpartei" geschmückten Gruppe der Antisemiten wünschen wir Glück auf dem Wege. Sie hat es nötig; denn sie blutet aus vielen Wunden. Was der Mensch braucht, das muß er haben. Jeder nährt sich, wie er kann, und Geschäft ist Geschäft." Daß es ein recht trauriges Geschäft ist, welches die Antisemiten treiben, hat die schwere Schädigung unzähliger B'ewohner Westpreußens infolge beständiger Durchkreuzung der behördlichen