Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 656 (sequence 6)
- Language
- German
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650 Im deutschen Reich. liches Verhalten bei der Ueberschwemmung von Klein-Tschirne in der drastischen und bildlichen Weise geschildert hatte, die dem Gutsherrn von Klein-Tschirne selbst eigen ist und seine wiederholte Freisprechung veranlaßte. Das Gericht erachtete für die „journalistischen Verbrämungen" jener Schilderung eine Geldstrafe von 100 Mk. als eine hinreichende Sühne, aber Graf Pückler und die ^Staatsbürger- Zeitung" gaben sich damit keineswegs zufrieden, daß eine Respekts- Verletzung dem vorbestraften schlesischen Magnaten gegenüber noch um 40 Mark höher bestraft werde, als die Giftmordbeschuldigung gegen unbescholtene Glogauer Bürger. In der bedauerlichsten Weise ist auch den antisemitischen Größen der schuldige Respekt vor den höchsten Behörden und vor der deutschen Rechtspflege abhanden gekommen. Was nicht ihre Parteizwecke fördert, gilt ihnen als „Judenmache", was sich ihrem Terrorismus nicht fügt, verleumden sie als eine Verkennurg oder Mißachtung der Volksinteressen, was ihre als „Geschäft" betriebene Politik beeinträchtigt, als Irrtum jener Staatsmänner, die „der Volksseele fremd" gegeuüberftehen. Sre verfehlen bei keiner Gelegenheit, sich als die alleinigen Pächter strengmonarchischer Gesinnung hinzustellen, widmen auch dem Justizminister bei seinen verschiedenen Jubiläen schwungvolle Huldigungsartrkel, aber sie unterwerfen trotzdem jeden kaiserlichen Gnadenakt, der ihnen mißliebigen Leuten zu gute kommt', einer boshaften Kritik und kündigen demselben Minister, der auf die doch wohl von Treitjchke, Stöcker, Bruhn u. a. m. erst kür.stlich erzeugten „Imponderabilien" große Rücksicht genommen hat, dreisten Tones an, daß er im Parlament darüber werde Rede stehen müssen, ob er diese oder jene Begnadigung befürwortet habe. Gewährt der Monarch einem Juden irgend eine Auszeichnung, was gewiß zu den Seltenheiten gehört, dann fragt die „Staatsbürger-Zeitung" sofort, welche Verdienste sich Herr I. W. erworben hat, um dafür den Kronenorden IV. Klasse zu bekommen, empfiehlt eine bezügliche E-kundigung bei dem Handelsminister und fügt höhnisch hinzu: „Solche Ordensverleihungen und Rangerhöhungen sollen ja immer auf Grund eines Gutachtens des betreffenden Ministeriums erfolgen. Heute allerdings wird die Bedeutung der Ressortminister ja immer mehr herabgedrückt und vieles, wofür sie allein die Verantwortung tragen sollten, geschieht einfach über ihren Kopf hinweg." Gegen wen sich die letzten Worte dieses Satzes richten, ist wohl nicht zweifelhaft. Hätte ein Sozialdemokrat diesen Vorwurf geäußert, dann wäre die „Staatsbürger- Zeitung" sicher die erste gewesen, welche dies als den Ausfluß der von den „jüdischen Führern der Sozialdemokratie großgezogenen Ge-