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Im deutschen Reich · 1903-11-01 · Heft 11 (November 1903) · p. 655

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 11 (November 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-11-01
Page
655 (sequence 5)
Language
German
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Umschau. 655 Märchen wieder geweckt werden mußte. Denselben Zweck hatten die massenhaft verbreiteten Flugblätter und Hetzbüder und nicht minder die Masse der verschenkten Nummern der „Staatsbürger- Zeitung", die übrigens noch beständig ihr friedenstörendes Werk fortsetzt und gan§ neuerdings eine freche rumänische Bedrohung der Juden rnit einer ^Sizilianijchen Vesper" so verherrlicht hat, daß die Absicht, deutsche Antisemiten zur Nacheiferung anzuregen, unverkennbar war. Durch diese Art der Agitation sind unzählige unbemittelte Juden in Westpreußen tatsächlich an den Bettelstab gebracht, bemittelte aber veranlaßt worden, die Heimat zu verlassen und Orte aufzusuchen, wo eine vorurteilslosere Gesinnung waltet. Durch den Abzug intelligenter, um die Hebung der Industrie verdienter Arbeitgeber, die auch als willige Steuerzahler und Förderer aller humanitären Bestrebungen jetzt in Westpreußen vielfach schon vermißt werden, ist auch die christliche Bevölkerung mancher Orte schwer geschädigt worden. Infolge der antisemitischen Volksversammlungen hat aber dort auch der Sinn für Gesetz, Ordnung und ein friedliches Zusammenleben mit Andersdenkenden Schaden gelitten, und in demselben Maße ist das für das Familienleben und einen bescheidenen Wohlstand so nachteilige Wirtshansleben außerordentlich gesteigert worden. Das ist das unselige Werk der Männer, die sich als angebliche Volksbeglücker mir Lorbeern schmücken lassen und wegen der möglichst lange hinansgeschobenen, aber endlich doch nötig gewordenen Verbüßung ihrer Strafe als Märtyrer für das Volksrecht hinstellen. Eine Verdrehung offenkundiger Tatsachen war die Behauptung Böcklers in der Versammlung indenKonkordia-Sälen, daß „ein Vergehen gegenJudas Majestät seine Freunde hinter Kerkermauern führe", denn wegen der von Brnhn und Genossen gegen Juden begangenen Frevel sind entweder gar keine Verurteilungen oder nur solche zu Geldstrafen erfolgt, die doch wahrscheinlich nur die Parteikasse belastet haben. Gerade dies dürste jene Männer in den Wahn gesetzt haben, daß der Antisemitismus überhaupt ein Freibrief für Gesetzesverletzungen sei, und daß sie ihre Giftvseile auch noch weit über die Juden hinaus schleudern dürsten, ohne Strafe befürchten zu müssen. Sie haben offenbar schon gar nicht mehr an die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz geglaubt. Derselbe gräfliche Seusationsredner Bruhns, der die Gloganer Juden der Giftmischerei zu bezichtigen wagte und diesen Schimpf nur mit 60 Mark Geldstrafe zu büßen haste, der noch vor der Verbüßung einer Festungsstrase mit Ministern an einer offiziellen Festtafel sitzen durfte, forderte in Glogan eine Hobe Freiheitsstrafe für den Redakteur Seitz, weil dieser in dem „Niederschlesischen Anzeiger" sein eigentüm-

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