Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 654 (sequence 4)
- Language
- German
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654 Im deutschen 9?etd). jüdischen Schriftsetzers kundgab. Trotzdem bei jenem traurigen Vorfall kein Jude die Hand gerührt hat, schrieb die Antisemitenpresse sofort von einem „Judenkrawall in SLegers", und die antisemitischen Wortführer entblödeten sich nicht, diese widersinnige Redensart auf dem Parteitage wiederholt in Anwendung zu bringen, um ihre Genossen gegen den tatsächlich unabweisbaren Verdacht zu verwahren, durch ihre aufreizende Tätigkeit jene erbärmliche Ausschreitung hervorgerufen zu haben. Dem Abgeordneten Böckler, der sich dabei durch die Versicherung zu reinigen suchte, daß er gerade iw Siegers nicht gesprochen habe, hält die „Freisinnige Zeitung" folgende verbürgte Mitteilung entgegen: „Bereits im Winter vor der Ermordung des Gymnasiasten Winter hat in Siegers eine antisemitische Versammlung stattgefunden, in welcher zwei Redner der antisemitischen Partei auftraten. Nach den unserem Gewährsmann in Siegers seinerzeit gemachten Mitteilungen waren diese Redner die Herren Bruhn und Bindewald. Nach dem Mordx ging es auch in Siegers toll zu. Die dortigen jüdischen Einwohner waren ihres Lebens nicht sicher, ihre Häuser waren Steinbombardements ausgesetzt. Gesuche um Schutz der Behörden hatten keinen großen Erfolg. Unser Gewährsmann hat zwei Antwortschreiben in Händen, die seltsamerweise adressiert sind: „An die jüdischen Gastwirte usw. in Siegers". Das Prädikat „Herr" fehlte.^ Die rohen Gesellen, welche kürzlich die antisemitischen Hetzreden in eine blutige Tat umsetzten, werden der Strenge des Gesetzes verfallen, und mit ihnen werden ihre unschuldigen Familien das büßen müssen, was in der Hauptsache die intellektuellen Urheber des Frevels verbrochen haben, die nun ihre Hände in Unschuld waschen. Der am 20. Oktober in das Konitzer Gefängnis eingelieferte Nachtwächter und Amtsdiener Vergin in Stegers, der an der Untat vom 28. September mitbeteiligt war, ist verheiratet und Vater von acht Kindern, die jetzt dem tiefsten Elend verfallen, weil ihr Ernährer sich unter dem Nacbhall der schwungvollen Reden Bruhns und Bindewalds zu einem Verbrechen Hinreißen ließ, welches seine Verführer zwar jetzt geflissentlich mißbilligen, aber immerhin auch als eine der „Regungen der Volksseele" zu beschönigen versuchen. Die Vorträge, welche Bruhn, Bindewald und Böckler in vielen westpreußischen Orten gehalten haben, waren darauf berechnet, und nur zu geeignet, die Bevölkerung in den Wahn zu versetzen, daß die in ihrer Mitte vorhandenen Juden die Ursache des dortigen wirtschaftlichen Niederganges seien. Sie waren aber auch in zielbewußter Weise mit mehr oder minder deutlichen Andeutungen verbrämt, durch welche der längstentschlafene Glaube an Ritualmord-