Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 653 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau. 653 hielt dasselbe es für überflüssig, sich noch länger „monarchisch zu gebärden". Wenn das Hamburger antisemitische „Deutsche Blatt" in einer „Pardon wird nicht gegeben" überschriebenen Notiz sagt: „Hoffentlich hat die Staatsbürgerin nun endlich begriffen, welcher Wind oben weht, und dämpft ihre manchmal byzantinische Ueberschwänglichkeit ein wenig", so läßt sich annehmen, daß dieser kollegiale Rat willig befolgt werden wird. In der Rede, mit welcher der neue sächsische Landtagsabgeordnete Oswald Zimmermann den 9. Parteitag der Resormpartei eröffnete, wurde betont, daß „heute leider trübe Nebel zwischen Thron und Volk sich drängen und in weiten Kreisen berechtigter Mißmut gegen die Regierung vorhanden ist". Aber dieser Mißmut ist ein Erzeugnis der antisemitischen Wühler; der Nebel, der sich zwischen Thron und Volk drängt, ist ihr Werk. Die Antisemiten setzen trotz der Strafen und Verurteilungen, zu denen sich selbst die mildgesinntesten Richter den Gesetzesverächtern gegenüber endlich gezwungen fühlten, ihre Verdunkelungsarbeit mit der unglaubhaften Versicherung fort, daß diese von den lautersten Motiven geleitet fei und der Aufklärung dienen solle. Nichts haben doch diese Volkoverführer mehr zu fürchten, als die Verbreitung der Aufklärung, denn eine aufgeklärte Bevölkerung würde ihren Ritualmord-Märchen keinen Glauben schenken; sie würde in beständigen Kundgebungen des Mißtrauens gegen richterliche Behörden etwas entschieden Straffälliges finden und mit Unwillen die antisemitische Behauptung zuruckweisen, daß königliche Gnadenakte von Beratern beeinflußt seien, die „den Regungen der Volksseele sehr fremd gegenüber stehen". Der Ton, den einzelne Reformer auf dem Parteitage anschlugen, war gewiß geeignet, die hochkonservativen Gönner der antisemitischen Bewegung über die Gesinnung ihrer lieben Schützlinge auszuklären. Unter stürmischem Beifall meinte der Redakteur Kammer, veränderte Umstände erforderten eine veränderte Haltung; die antisemitischen Abgeordneten müßten etwas freiheitlicher und rücksichtsloser werden und durch rückhaltloses Sprechen im Parlament die Volksseele erfassen Bei der Beratung über die Mittclstandsfrage warf der Abgeordnete Böckler der Regierung vor, daß, wenn sie etwas unternehme, es stets an der falschen Stelle geschehe. Mau müsse die Regierung deshalb in die Scheere nehmen und die Bewilligung wichtiger Forderungen stets von Zugeständnissen an den Mittelstand abhängig machen. Mit dieser kühnen Sprache stand die Furcht in grellstem Widerspruch, die sich unter den Teilnehmern an dem Parteitage der Reformer bei jeder Erwähnung der durch verrohte Judenfeinde in der Herberge zu Stegers erfolgten Peinigung und Ermordung eines armen