Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 652 (sequence 2)
- Language
- German
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652 Im deutschen Reich. Hauptrolle. Mit einem gewissen Stolz verkündete Herr Zimmermann neulich, daß man wieder zu dem ursprünglichen Namen zurückkehreu wolle: Deutsche Reformpartei. Das Wörtchen „sozial" sei draußen auf dem Lande zu unbeliebt. Damit haben die Herren Zimmermann, Bruhn, Werner und Gräfe, das Viermännerkollegium im Reichstage, deutlich bekundet, daß sie für den sozialen Fortschritt der breiten Volksmasse nicht mehr in Betracht kommen." — Auf diese Schilderung der Verhältnisse in der „Deutschen Reformpartei" weiß die „Staatsbürger-Ztg." nichts weiter zu erwidern, al^ Schmähungen gegen die mit dem Judentum an einem Strange ziehenden Leute, deren soziale Gesinnung deshalb nach Ansicht der „Reformer" nur Phrase und Heuchelei sein soll. Dabei hat doch gerade der letzte Parteitag der Reformer gezeigt, wo Phrase und Heuchelei recht gangbare Artikel sind. In dem Begrüßungsartikel des Antisemitenblattes wurde Zuerst bestritten, „daß die Judenfrage das A und O der Partei fei, und daß sie, lediglich vom Judenhaß getragen, nicht aufklärend wirken könne. Dann aber ward wieder kurz und bündig erklärt, daß der Kampf gegen das Judentum nicht fallen gelassen werden dürfe, daß es nötiger als je fei, diesen Teil des Programms in den Vordergrund Zu stellen. Von dem Judentum ward schlankweg behauptet, daß es sich den nationalen Parteien feindlich entgegensteüe und daß es dennoch am gefährlichsten fei, wenn es sich national und monarchisch gebärde. Um so bemerkenswerter ist das in demselben Artikel abgelegte Bekenntnis, die deutsche Reformpartei sei nicht begründet, eine Schutztruppe der Regierung zu sein, sondern die Interessen des deutschen Volkes zu fördern; sie bewerte den Dank des Volkes besser als den der Regierung. „Sie wird mit der Regierung gehen, soweit sie sich in politischen und wirtschaftlichen Fragen mit ihr im Einklänge befindet; sie wird sie aber furchtlos und treu bekämpfen, wo sie sie auf falschen Pfaden sieht, auch wenn ihr gelegentlich wieder einmal Zugerufen werden sollte: Kein Pardon!" — Zu dieser „rückgratstarken" Gesinnung ist die Reformpartei nur gelangt, weil weder Schmeicheleien noch Drohungen die leitenden Staatsmänner dahin brachten, sich dem antisemitischen Terrorismus zu fügen und dieWühlarbeit gutzuheißen, die fälschlich als regierungsfreundlich dargestellt, aber nur geeignet war, Unzufriedenheit zu verbreiten und damit nicht nur der Sozialdemokratie die Wege zu ebnen, sondern sogar durch die Anleitung zur Gesetzlosigkeit die Massen mit anarchistischen Gedanken zu erfüllen. In demselben Augenblick, wo das Organ dieser staatsgefährlichen Partei die Gewißheit erlangte, daß die maßgebenden Kreise über ihr doppelsinniges Treiben nicht mehr zu täuschen seien,