Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 648 (sequence 30)
- Language
- German
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648 Im deutschen Reich. Mädchen für eine Jüdin gehalten, und da habe ich an Winter gedacht und habe sie so, wie sie den abgeschlachtet haben, auch abschlachten wollen. Ja, meine Damen und Herren, da zeigt sich doch am klarsten, daß dies die unmittelbare Frucht des Antisemitismus ist; selbst dann ist es die unmittelbare Frucht, wenn das eine unwahre Ausrede war. Immerhin hatte sich der Täter bereits die antisemitische Gesinnungsweise so zu eigen gemacht, daß er glaubte, sie sei eine geeignete Verteidigung, sie würde als Milderungsgrund vor seinen Rechtem gelten, er würde deshalb weniger streng bestraft werden. Angesichts solcher Früchte werden wir jeder Behörde sagen müssen: Ihr verkennt Eure Pflicht, wenn Ihr nicht anerkennt, daß der Antisemit der schlimmste Vaterlandsseind ist, den es gibt, und meine Damen und Herren, dann tun wir allein recht, dann handeln wir patriotisch, wenn wir in dem Kampfe zwischen Antisemiten und Polen dem Polen den Vorzug geben und von dem Antisemiten nichts wissen wollen. (Beifall.) Meine Damen und Herren, ich nehme Ihre Zeit etwas lange in Anspruch. (Rufe; Nein!) — Also das letzte Wort! Die Antisemiten faseln immer von ihrem „teutschen Rechte!" Sie behaupten, die Juden mißbrauchen das deutsche Volk, weil sie das römische Recht unter das deutsche eingeschmuggelt haben. Die römischen Rechtssätze müßten bei Seite geschafft werden. Das sind die Gesichtspunkte, aus denen sie gegen das Bürgerliche Gesetzbuch gestimmt haben. Das sind die Faseleien, die man aller Orten immer wieder hören kann; auch aus dem Munde des Herrn Liebermann von Sonnenberg hören wir Aehnliches nicht selten. Das sind Ausführungen, die wir auch in gedruckten Büchern finden, also auch dort, wo die Herren Zeit hatten, sich zu überlegen, was sie schreiben. Aber das zeigt in Wahrheit leider, daß sie ausgerüstet sind mit einer geschichtlichen Unwissenheit sondergleichen. Die Unterdrückungen des Judentums, von denen die Annsemiten behaupten, sie seien allen Ländern gemeinsam und seien ein Zeichen dafür, daß es an den Juden liege, an deren schlechtem Wesen, an deren schlechtem Charakter — diese Unterdrückungen der Juden gehen in ununterbrochener Reihe zurück auf die römische Kaiserzeit, als das Christentum mächtig geworden war. Als der jüdische Staat zertrümmert war, als die Juden nach Rom gekommen waren, wurden sie dort römische Bürger wie jeder andere. Sie stiegen zu den höchsten Ehrenstellen hinauf; sie haben zum Teil Stellungen bekleidet, die unmittelbar nach der des Kaisers folgten. Kein Mensch dachte dort an Antisemttlsmus, kein Mensch dachte an Haß, und erst als das Christentum mächtig geworden war, erst da, im 5. Jahrhundert nach Christi Geburt, als