Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 644 (sequence 26)
- Language
- German
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644 Im deutschen Reich. Gewalt hat diese drei Juden scheu und ihrer Ueberzeuguna untreu werden lassen. Wir kennen einen ähnlichen Fall aus derselben Gegend, aus Könitz. Da war es bei der letzten Landtagswahl so, daß die jüdischen Wahlmänner nur unter dem Schutz von Gendarmen, und nachdem ihnen dieser Schutz vom Landrat und Bürgermeister zugesichert war, die Möglichkeit hatten, zur Wahl zu gehen, um dann dort für den Deutschen gegen den Polen ihre Stimmen abzugeben. Dieser Schutz war ihnen in Schlochau nicht angeboten: sie hätten ihn ja vielleicht erreichen können, aber wie man das bei der Reichstagswahl machen soll, ist mir nicht klar. Bei der Landtagswahl, bei der es sich lediglich um einige wenige Wahlmänner handelt, läßt sich das eher durchführen. Aus Furcht vor der rohen Gewalt haben hier diese 3 Juden sich selbst verleugnet. Wir bedauern das, aber wir haben deshalb nicht diese Empfindung des Pfui, und ich glaube, daß alle Pfui-Rufer nach dieser Erklärung mit mir darin einig sein werden, daß es sich nur um eine Empfindung des Mitleids und des Bedauerns handeln kann (Rufe: Nein!), daß wir aber nicht sagen können: sie hätten schändlich gehandelt (Rufe: Jawohl!) sondern daß sie einer Erpressung gewichen sind. Wir stehen natürlich auf dem Standpunkt, daß wir jenen zurufen: Ihr haltet lieber Euer Leben lassen sollen, als daß Ihr Euren Grundsätzen untreu werdet. (Sehr richtig!) Aber, meine Damen und Herren, diese drei Männer hatten nicht bloß ihr Leben einzusetzen, sie hatten auch für das ihrer Angehörigen zu sorgen, und es ist zweifelhaft, ob die Verpflichtung, für die Angehörigen Zu sorgen, nicht soweit geht, daß sie sich in dieser Beziehung dem Erpressungsversuch zugänglich zeigen mutzten. Wir werden dafür Zu sorgen haben, daß in unserem Vaterlande solche Zustände sich nicht wiederholen können. Wir wählen keinen Reichsfeind, der wirklich das Land befeindet, das wäre - für uns ausgeschlossen. Aber wenn wir fragen: Wer ist die größere Gefahr, wer der größere Feind des deutschen Reiches, des deutschen Vaterlandes, der Pole oder der Antisemit? dann wird es für uns alle keinem Zweifel unterliegen, daß es in eminent höherem Sinne der Antisemit ist, als der Pole. (Beifall.) Wäre die Zeit nicht so vorgerückt, dann hätte ich mich gern ausführlicher mit dieser Thatsache beschäftigt. Andeuten muß ich sie. ganz kurz darlegen will ich sie, aber nicht von dem Standpunkt aus, den wir einnehmen, sondern von dem aus, den unsere christlichen Behörden notwendiger Weise bei Erwägung der Frage einnehmen müssen, wer der größere Feind des Vaterlandes ist: der Antisemit oder der Pole.