Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 643 (sequence 25)
- Language
- German
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Der CenLral-Verein und die politischen Wahlen. 643 'Über trn einzelnen wollen wir uns ansehen, um wen es sich handelt. Es handelt sich um die Polen. Wir haben auch hier keine Politik nach der Richtung zu treiben: ob die Polengesetze gut, oder schlecht, gerecht oder ungerecht sind, trotzdem wir als Minderheit es wohl empfinden und fühlen, was Ausnahmegesetze gegen eine Minderheit bedeuten. Wir als Minderheit wissen doch, daß wir oft erst einen Fußtritt bekommen, und wenn wir dagegen uns wehren, daß man dann nichts vom Fußtritt erzählt, sondern bloß von den Schlägen, die wir in der Abwehr gegeben haben. (Ruf: Leider!) Ob es nicht ähnlich mit den Polen geschieht, das soll mich nicht kümmern, ich will mich bloß mit der Frage beschäftigen: Ist, dann, wenn ein Antisemit einem Polen entgegengesetzt ist, für den Antisemiten gegen den Polen einzutreten? und ich stehe keinen Augenblick an, und da kann ich versichern, daß der gesamte Vorstand genau denselben Standpunkt vertritt, zu sagen, daß unser Grundsatz dahin geht, daß wir dann für den Polen eintreten! (Lebhafter Beifall.) Meine Damen und Herren, es lag ein bestimmter Fall vor. Es hat sich um die Kandidatur auf der einen Seite des Herrn Böckler in Schlochau, aus der anderen Seite des Polen Kowierowski gehandelt. Da waren die Juden in einer recht bedenklichen und schlimmen Lage. Sie waren es deshalb, weil ein Terrorismus sondergleichen seitens der antisemitischen Partei in Schlochau geübt wurde und weil der Antisemitismus kurz vorher die Bevölkerung zum Landfriedensbruch aufgereizt hatte, well die Juden ihres Lebens dort nicht sicher-waren. In der Stadt war die Furcht verbreitet, daß, wenn die Juden gegen den Antisemiten in der Stichwahl austräten, ein neues Aufflackern des Landfriedensbruches gegen die Juden sich geltend machen würde, daß von neuem die Steiuwürfe in die Fenster und die Schlägereien auf den Straßen an die Tagesordnung kommen würden. Unter diesem Druck, in dieser Furcht haben drei Juden aus jener Gegend sich verleiten lassen, ein Flugblatt des Inhalts, zu unterzeichnen, daß sie empfehlen, entweder für den Antisemiten zu stimmen oder sich der Stimme Zu enthalten. (Rufe: Pfui!) Meine Damen und Herren, ich teile vollkommen den Gedanken, der diesem „Pfui" zu Grunde liegt, aber nicht die Empfindung. Ich teile den Gedanken, weil es tief bedauerlich ist, daß solche Zustände in unserem Vaterlande möglich find; ich teile nicht die Empfindung, weil ich niemand für -das verantwortlich machen kann, was er unter einem solchen Druck tut. (Zehr richtig!) Meine Herren, es handelt sich da um eine politische Erpressung, um einen Erpreffungsakt sondergleichen. Lediglich die Furcht vor der rohen