Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 637 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316712-2332330--11694-2332412- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Der CenLral-Verem und die politischen Wahlen. 637 zu stimmen, die aber vermöge desjenigen stummen Antisemitismus, der so vielen christlichen Mitbürgern leider angeboren ist, sich nicht entschließen können, für einen Juden einzutreten. Das ist lief bedauerlich, dafür werden wir aber doch nicht die Freisinnige Volkspartei, nicht die Parteileitung verantwortlich wachen können. Die jüdischen Wahlleiter stehen unter diesen Strömungen in den eigenen Kreisen und sagen sich: Wir können für das Judentum dadurch etwas tun, daß wir einen christlichen Freisinnigen ins Parlament bringen. Wir können für das Judentum nichts tun, wenn wir den jüdischen Kandidaten hier empfehlen, der wegen seines Judentums von denjenigen Elementen, die nicht ganz treu zur Freisinnigen Volkspartei gehören, nicht gewählt wird. — (Sehr richtig!) Diese taktische Erwägung ist in einer stattlichen Reihe von Wahlkreisen richtig, in einer anderen Reihe tief bedauerlich und falsch. Sie ist falsch aus einem Grunde, den wir alle kennen; sie ist aus die Aengstlichkeit vieler unserer jüdischen Mitbürger zurückzuführen. Sie wissen, daß es zu den vornehmsten Aufgaben unseres Vereins gehört, das Selbstbewußtsein unserer Glaubensgenossen zu stärken und Zu stahlen. Wenn wir hier in unserem Verein weiter an diesem Selbstbewußtsein helfend und stützend arbeiten werden, wie wir bisher gearbeitet haben, dann werden wir über kurz oder lang wohl die Freude erleben, zu sehen, daß die Aengstlichkeit nicht mehr bei uns Juden zu finden ist, und daß deshalb die Widerstände in den Wahlkreisen, in denen Besorgnisse nicht nötig waren, nicht mehr vorhanden sein werden, so daß dann in der Tat jüdische Kandidaten im Parlament erscheinen werden. Das ist meines Dafürhaltens ein wichtige Aufgabe gewesen, Sie darüber aufzuklären, woran es liegt, daß wir im Reichstage nicht einen einzigen Juden haben, der der Freisinnigen Volkspartei angehört. Es unterliegt keinem Zweifel, daß es die Pflicht der Parteileitung ist, ihren Willen nach dieser Richtung mit größerer Energie bei den folgenden Wahlen durchzusetzen. Es hat die Parteileitung die Möglichkeit und die Verpflichtung, in grundsätzlich prinzipiellen Fragen ihren Standpunkt auch gegen den Willen der lokalen Parteileiter zur Geltung zu bringen. Aber ich bin überzeugt, daß der Wille bei der Parteileitung vorhanden ist. Daß es andererseits aber doch von Wert ist, wenn wir die Hoffnung aussprechen, es möge dieser Wille energisch betätigt werden, das verkeime ich keinen Augenblick! Wir stehen, ja hier im Verein auf dem Standpunkte, daß es notwendig ist, allen unserer christlichen Mitbürgern immer wieder zuznrufen, was ihre Pflicht ist; auch' denjenigen Mitbürgern gegenüber, bei denen gar kein Zweifel darüber bestehen kann,