Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 628 (sequence 10)
- Language
- German
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628 Im deutschen Reich. und in dieser Beziehung, rn. H., zerfällt das Centrum in zwei Teile: wir haben einen ausgesprochen antisemitischen Flügel, und wir haben daneben und, Gott sei Dank, in der Hauptsache einen Flügel, der auf dem Standpunkte der Gerechtigkeit steht, der alle Bürger des Deutschen Vaterlandes gleich behandelt sehen will. Sie missen, daß Windthorst auf diesem Standpunkt gestanden hat. Ganz kürzlich ist eine Schrift von einem Centrumsabgeordneten, dem katholischen Pfarrer Dr. Frank in Bayern, erschienen, betitelt „Die Kirche und das Judentum". Dort führt er überzeugend aus, daß ein gläubiger Katholik, vor allen Dingen ein gläubiger katholischer Priester, unmöglich ein Antisemit sein könne. Nichtsdestoweniger wissen Sie, daß wir eine antisemitische Presse im Zentrum haben. Ich habe erst heute Abend in einer Zeitung gelesen, daß ein Antisemit, ich weiß nicht wer — ich glaube, es war Liebermann von Sonnenberg — getagt hat: „Jetzt fängt im Zentrum die antisemitische Neigung zu dämmern an, wir haben Aussicht, in weiten Kreisen mit dem Centrnm Zusammengehen zu können!" Nun, meine Damen und Herren, wir haben Grund zu der Erklärung, daß diese Hoffnung Liebermanns von Sonnenberg in der Hauptsache zu Schanden werden wird, aber wir haben uns vorzusehen, weil es immerhin einen antisemitischen Flügel ohne Zweifel dort gibt. Wir werden auch hier wieder dasselbe beobachten, was wir überall bisher beobachtet haben: wir werden fragen und prüfen! Ich will zunächst jetzt einmal die übliche Reihenfolge in der Aufzählung der Parteien unterbrechen, ich will die freisinnigen Gruppen noch nicht besprechen, um mich mit ihnen nachher ein kleines Weilchen länger beschäftigen zu können. Ich will kurz auf die Frage eingehen: „Wie stellen sich die Sozialdemokraten zu uns Juden?" Die Sozialdemokraten haben in ihrem Programm den Satz: Religion ist Privatsache. Daraus folgt ohne weiteres, daß sie nicht dulden können und nicht dulden wollen, daß die Religion im staatsbürgerlichen Leben irgend eine Rolle spiele. Wenn sie Privatfache ist, kann sie keine Bedeutung im öffentlichen Leben haben. Wir find deshalb sicherlich der guten Hoffnung und wir glauben nicht, daß diese Hoffnung getrübt wird, daß sich nie ein Sozialdemokrat finden wird, der irgendwie die Hand dazu bieten könnte, unsere staatsbürgerlichen Rechte zu beschränken. Don diesem Gesichtspunkt aus haben wir durchaus Vertrauen der Sozialdemokratie entgegenzubringen. (Bravo!) Wir treiben keine Parteipolitik hier in diesem Saale, und ich verstehe deshalb dieses Bravo nicht etwa dahin, daß Sie sagen wollen, es sei brav von mir, daß ich den Sozialdemokraten etwas Freundliches nachsage, sondern ich verstehe Ihr Bravo — und in dem Sinne teile ich