Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 627 (sequence 9)
- Language
- German
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Der Central-Verein und die politischen Wahlen. 627 eben den Zuruf höre, sehe ich mich genötigt, auf ein Moment hinzuweisen. Wir haben vor nicht langer Zeit die Ihnen allen bekannte, durch den Herrn Abgeordneten Peltason angeregte Debatte über die jüdischen Notare im Landtage gehabt. Sie wissen, m. H., daß der Minister Schönstedt eine Erklärung damals abgegeben hat, die jeden gerecht denkenden Mann unbefriedigt lassen mußte. In einer Versammlung, der ich persönlich beigewohnt habe, wurde Herr Justizrat Krause, ein Führer der Nationalliberalen, ein Mann, der unzweifelhaft vollkommen frei von jeder antisemitischen Regung ist, gefragt: „Weshalb haben Sie nicht damals das Wort ergriffen, um gegen diese Aeußerung des Justizministers zu protestieren?", und der Herr Justizrat Krause hat geantwortet, daß bei dem lebhaften Temperament, das er besitze, seine Worte gegen den Antisemitismus, gegen die Behandlung der jüdischen Rechtsanwälte so heftig und stark gewesen wären, daß er gewärtigen mußte, es könnten aus seiner eigenen Partei andere Abgeordnete gegen ihn sprechen (hört, hört!), und er wies daraus hin, daß es dem Judentum im öffentlichen Ansehen geschadet hätte, wenn aus den Reihen der Nationalliberalen Zustimmungen, ob verklausuliert, ob offen, zu den Erklärungen des Justizministers erfolgt wären. Ich glaube, Sie werden dieses Geschehnis, das ich ohne diesen Zuruf nicht vorgetragen hätte, in der Tat als einen Beweis dafür betrachten, daß mein Mißtrauen, — nicht in das Programm der Nationalliberalen, sondern in eine Reihe von Mitgliedern der nationalliberalen Partei wohl berechtigt ist. (Sehr wahr! — Zuruf: Haffe!) Wir haben deshalb die Verpflichtung, dort, wo uns ein nationalliberaler Kandidat entgegentritt, keineswegs blind gleich zu sagen: „Du bist ja kein Antisemit, ich kann Dich sein oder werde wenigstens nicht gegen Dich sein." ffiir haben auch hier die Verpflichtung, uns die einzelnen Kandidaten anzusehen. Wir werden hier dens lben Weg gehen, den ich vorhin bezeichnet hatte als den unseres Vereines und unseres Vorstandes gegenüber den Freikonservativen. Wir werden auch hier Herz und Nieren erst zu prüfen haben und dann erst entscheiden. — Wie stellen wir uns zum Centrum? Das Centrum bietet in der Judenfrage ein wunderliches Bild. Das Eine ist allen Milgliedern des Centrums gemeinsam, das ftebt im Programm der Centrumspartei, daß sie religiöse Duldung übt. Es ist kein Bedenken für mich, daß jeder C ntrumsmarm jeder Beschränkung in der Religionsübung mit voller Entschiedenheit und Wärme entgegentreten würde. Aber, wir kämpfen doch nicht blos um die freie Religionsübung, wir kämpfen doch um die Gleichstellung in Bezug auf alle staatsbürgerlichen Rechte,