Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 626 (sequence 8)
- Language
- German
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626 Im deutschen Reich. vor, gegen ihn einzutreten. Verweigert er die Antwort, dann haben wir Grund anzunehmen, daß er antisemitisch gesinnt ist. lieber dieses Verfahren ist viel gesprochen und geschrieben worden. Eine stattliche Zahl von.Kandidaten hat uns glattweg nutgeteilt, wie sie sich zu unserer Frage stellen; es hat aber auch eine Reihe von Kandidaten gegeben, die sich gescheut haben, die Frage zu beantworten, bte sich auch gescheut haben, uns ganz ohne Antwort zu lassen, und die dadurch versuchen, uns irre zu führen, indem sie uns schrieben, sie könnten eine solche Frage nicht beantworten, Hieil sie ein imperatives Mandat nicht übernehmen wollen; die Verfassung kenne kein imperatives Mandat, infolgedessen betrachteten sie unsere Anfrage als versassungswidrig. Nun, meine Damen und Herren, wenn sich das nicht mit der Unkenntnis der Verfassung auf Seiten der betreffenden Herren erklären läßt, so hat es seinen Grund nur darin, daß sie eben nur flunkern wollten und daß sie sich scheuten, die Wahrheit zu bekennen; denn es kann keine Rede von einem imperativen Mandat sein, das heißt, von einem Mandat mit einer bestimmten Marschroute, mit der bestimm!en Auslage: „Du mußt in der und der Weise stimmen!" Wir kommandieren die Herren nicht, dazu fehlt uns jede Macht, es fehlt uns auch jede Neigung dazu, sondern wir verlangen von dem Volksvertreter nur, was seine Pflicht ist, uns, seine Wähler, wissen zu lassen, auf welchem Standpunkte er steht. Er soll sich nicht von uns befehlen lassen, was er im Reichstage tun wird, sondern er soll uns nur darüber Auskunft geben, was er aus eigener Ueberzeugung tun will. Es ist also eine Flunkerei, eine schlechte und eine den Betreffenden bleßstellende Ausrede, wenn er sagt, das sei versassungswidrig, das sei ein imperatives Mandat. — Gehen wir zu den Nationalliberalen über. Die Nationalliberalen kennen in ihrem Programm nicht blos negativ keine Zurückdrängung der Juden, sondern ganz positiv haben sie in ihr Programm die Bestimmung ausgenommen, daß die Religion keinen Unterschied in den staatsbürgerlichen Rechten machen dürfe, und doch besteht auch hier, wie bei den Freikonservativen die Notwendigkeit, daß wir uns die einzelnen Männer ansehen. Ich erinnere an ein ganz ernstgemeintes Wort des Herrn Liebermann von Sonnenberg, der einmal sagte: „Die Nationalliberalen sangen erst mitternachts, um 12 Uhr an, ihr antisemitisches Herz zu entdecken und zu offenbaren." Dieses Wort hat leider außerordentlich viel Wahres in sich. Wir finden in den Reihen der Nationalliberalen leider eine Anzahl von Herren, deren Antisemitismus nicht offen bekannt wird, aber doch leicht erkennbar ist. (Zuruf: Es gibt ja gar keinen!) — Meine Damen und Herren, da ich