Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 624 (sequence 6)
- Language
- German
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624 Im deutschen Reich. sprechen, weil ich keine Möglichkeit hatte, mich eingehend mit der Frage zu beschäftigen. Aber wohl verlohnt es, dieser Frage nachzugehen, denn im allgemeinen wird man es als eine Krankheitserscheinung betrachten müssen, wenn in irgend einer Zeit eine bestimmte Volksmenge, eine bestimmte Volkeklafse oder gar ein ganzes Volk langsamer wächst, mehr zurückgeht, wie die andern Volkskreise. Diese traurige Prognose tröstet einigermaßen die Konservativen, und sie sagen: Wenn es so weitergeht, wird es uns ja von Jahr zu Jahr leichter werden, mit der Zahl der Juden fertig zu werden. Die Konservativen bleiben dabei aber nicht stehen. Sie sagen: Wir müssen uns dann noch ferner davor hüten, daß der Einfluß der einheimischen Juden wächst, wir müssen im Gegenteil den Einfluß zu beschränken suchen. Wir müssen dafür sorgen, daß die Offiziers- und Verwaltungsstellen nach wie vor den Juden vollkommen verschlossen bleiben. Wir müssen dafür sorgen, daß die Zulassung der Juden in die Justiz und in das Unterrichtswesen mehr beschrankt wird, als gegenwärtig. Die Konservativen begnügen sich auch damit noch nicht, sie wenden sich nicht bloß an die Gesetzgebung, sondern an jeden einzelnen und empfehlen weiter, die sogen, jüdische Presse und die jüdischen Geschäfte nicht mit der Kundschaft zu bedenken. Sie hoffen auf diese Weise dann die Unbescheidenheit der Juden allmählich einzuschränken und mit den Juden dadurch leichterfertig zu werden. Wie roh die Gesinnung ist, die hinter diesem Programm steckt, das zeigt sich von Zeit zu Zeit, wenn ein lebhafter gesprochenes Wort eines einzelnen Mitgliedes dieser Partei in die Oeffentlichkeit dringt. Ich erinnere, meine Damen und Herren, nur — es ist ja noch nicht lange her, deshalb haftet es vielleicht noch in Ihrem Gedächtnis — an den Ausspruch des Herrn von Massow, der da sagte, es sei doch sehr unvernünftig vom Roten Meere gewesen, daß es nicht 10 Minuten früher, wie er sich geschmackvoll ausdrückte, die Klappe schloß. (Heiterkeit.) Ja, meine Damen und Herren, mit Recht lachen Sie darüber, aber dieser Ausspruch zeigt noch nach einer andern Richtung hin die Gefahren und die Erbärmlichkeit des Antisemitismus. Meine Herren, wenn man sich fragt: was heißt denn das, daß er dem Roten Meere einen Mangel an Vernünftigkeit zuschreibt, so werden Sie doch mit wir erkennen, daß für jeden religiös denkenden Menschen die Unvernünftigkeit nicht vorgeworfen ist dem Roten Meere, sondern daß sie vorgeworfen ist derjenigen göttlichen Leitung, die das so und nicht anders gewollt hat. (Sehr richtig!) Meine Herren, das zeigt