Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 11 (November 1903)
- Article
- Der Centralverein und die politischen Wahlen
- Date
- 1903-11-01
- Page
- 623 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Centra-l-Verem und die politischen Wahlen. 623 Jude sei, das sei ebenso bedauerlich, wie jemanden grade nur deshalb Zu wählen, weil er Jude ist. M. H., ohne Zweifel haben wir für die staatsbürgerlichen Rechte in dem Sinne zu kämpfen, daß wir nach unseren Kräften Vorsorge treffen, daß im Parlament Männer sitzen, die sich gegen jede Beschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden wehren. Aber zu verlangen, daß das unbedingt Männer jüdischen Glaubens sind, das muß uns aus dem einfachen Grunde fernliegen, weil wir ja Feinde davon sind, daß die Stellungen im Staate, in der Verwaltung und im Parlament nach der Konfession verteilt werden. (Sehr richtig!) Wir vertreten immer den Standpunkt: auf die Konfession, auf die Religion darf es nicht ankommen, sondern wir wollen den Tüchtigsten, wir wollen den gewählt sehen, dessen politischer Standpunkt sich deckt mit dem unsrigen. Meine Damen und Herren! Ich sage, wir müssen deshalb jeden konfessionellen Standpunkt ablehnen, wir müssen uns auf den Standpunkt stellen, in jedem einzelnen Falle zu prüfen: wie sieht der Kandidat aus, welchen politischen Glauben vertritt er? Und davon allein können wir es abhängig machen, ob wir für ihn oder ob wir gegen ihn eintreten. Da gestatten Sie nur denn, ganz kurz einmal, so kurz, wie es mir möglich ist, die verschiedenen Parteien in unseren Parlamenten durchzugehen. Wir wollen dann sehen, wie weit wir diesen Parteien Entgegenkommen zu zeigen haben, und welche Parteien wir zu bekämpfen haben. Die Deutschkonservativen haben in dem offiziell herausgegebenen „Handbuch der konservativen Parteien" ihren Standpunkt gegenüber der Judenfrage dahin präzisiert, daß sie sagen: Wir sind zunächst gegen die Zuwanderung und Zulassung fremder Juden; mit den einheimischen Juden müssen wir versuchen auszukommen. Dieses Handbuch weist dabei auf eine bedauerliche Erscheinung im Judentum hin, die ich doch ausgesprochen haben möchte. Es weist darauf hin, daß die Juden numerisch und im Prozentsatz zu der Gesamtöevolkeruug Deutschlands von Jahr zu Jahr Zurückgehen. Dieser Rückgang ist auch wieder bestätigt worden durch die letzte Volkszählung. Die Juden sind gegenwärtig auf einem Standpunkt angekommen, daß sie nur noch genau 1 % der gesamten deutschen Bevölkerung bilden. Run. dieser stetige Rückgang, den wir seit dem Jahre 1860 verfolgen können, ist in der Tat für uns Juden ein bedauerliches Zeichen. Er eröffnet uns eine traurige Peripektive, und es würde wohl der Mühe verlohnen, genauer den Ursachen nachzuforschen: Sind es die Taufen, ist es die Auswanderung, ist es etwa eine Nachahmung, der französischen Sitte, der Einschränkung der Kinderzahl? Ich kann darüber nicht