Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- Berlin
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 584 (sequence 3)
- Language
- German
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584 Im Deutschen Reich. nämlich Wohltäter der Arbeiterkolonie Schenkungen und letztwillige Zuwendungen in beliebiger Höhe gewähren, ohne daß ein nicht unbeträchtlicher Teil (4 %) dem gewollten Zwecke entfremdet wird. Die Aufgaben der Arbeiterkolonie sind über den von den Leitern selbst gezogenen Rahmen weit hinausgewachsen. Statt der für 1903 veranschlagten Besetzung mit durchschnittlich 50 Mann ist eine solche von 70 Kolonisten zu verzeichnen. Hinzu kommen noch durch mehrere Wochen neun Flüchtlinge aus Kischmew. Es ist bisher gelungen, allen Schützlingen Beschäftigung zu verschaffen. Für den Verein bestimmte Geldsendungen und Zuschriften sind an das Bureau des Deutsch- Israelitischen Gemeindebundes, W., Steglitz erste. 85, zu adressieren. Beabsichtigte Naturalienspenden, besonders die sehr erwünschte Zuwendung von gebrauchten Kleidungsstücken, wolle man der Jüdischen Arbeiterkolonie in Weißensee, Wörthstr. 20 (Telephon-Nr. 192), direkt melden. — Die „Staatsbürger-Zeitung" bemängelt auch dieses wohltätige Institut durch nachstehende Bemerkung: „Wenn man nur endlich einmal praktische Erfolge dieser angeblichen Erziehung der Juden zur Arbeit sähe! Ab^r bis jetzt sind unseres Wissens unter den rund hunderttausend Juden Berlins wirkliche Arbeiter nicht vorhanden. Vielleicht kann ums der „Central-Verein" darüber Auskunft geben." — Dazu fühlen wir uns nicht veranlaßt, denn wenn wir auch dem Antisemiten-Moniteur die genaueste jüdische Arbeiter-Statistik liefern wollten, würde er voraussichtlich versuchen, einen Unterschied Zwischen „wirklichen" und „nicht wirklichen" Arbeitern zu konstatieren, um sich seine traurige Arbeit nicht verderben zu lassen. „Geschäftsantisemiten" wollen nicht belehrt sein und sind nicht zu belehren. Uns genügt, daß jeder Vorurteilslose davon Kenntnis hat, daß unter den Juden Berlins eine sehr große Zahl von Arbeitern vorhanden ist und daß in den verschiedensten Zweigen des Handwerks die Juden sich sehr gut und vielfach auch recht erfolgreich betätigen. Die Enthüllung des Richard Wagner-Denkmals hat der stoffarmen Antisemitenpresse Gelegenheit gegeben, die Juden als Gegner des bedeutenden Tonkünstlers darzustellen, und zwar nur deshalb, weil einige nichtantisemitifche Blätter sich abfällig über die Ausführung und über die Art der Einweihung des Denkmals geäußert haben. Wenn Wagner in seiner Jugend aus Eifersucht auf die Erfolge Mendelsohns und Meyerbeers gegen „das Judentum in der Musik" schimpfte, so hat er später den Nutzen jüdischer Freunde (Hofkapellmeister Levi, Davidsohn vom Börsen-Courier u. a. m.) sehr zu schätzen gewußt. Daß ihn die „Staatsbürger-Zeitung" als Gesinnungsgenossen reklamiert, ist die Strafe für seine literarischen Jugendsünden. Für