Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 578 (sequence 6)
- Language
- German
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578 Im deutschen Reichwelche dem deutschen Juden verleidet wurde, der Pole getreten. So hat der Antisemitismus in der Provinz Posen' mit den Juden Pfleger deutscher Sprache und Sitten genau so verdrängt, wie er es in Böhmen und Mahren dem Czechentum möglich gemacht hat, ganze Distrikte zu erobern, in Denen früher der deutsche Jude mit dem deutschen Christen friedlich und gestnnungstüchtig eine gutdeutsche Kultur förderte. Dadurch, daß der Jude in der Provinz Posen wie in Böhmen und Mahren sich vielfach als „Pionier des Deutschtums" erwies, hat er sich Jahre hindurch die Feindschaft der Polen und Czechen zugezogen und dabei seiner politischen Gesinnung oft große geschäftliche Interessen opfern müssen, ohne dafür irgendwie Lohn oder Anerkennung zu ernten. Man hat ihm dafür bis in die neueste Zeit nur immer größere Opfer zugemutet und ihm sogar Mangel an deutsch-nationaler Gesinnung vorgeworfen, wenn er Bedenken trug, das größte Opfer zu bringen — bei Reichstags-, Landtags- oder Gemeindewahlen überall, wo ein Pole gegen einen Deutschen kandidiert, für einen solchen deutschen Kandidaten mit einzutreten, der vorher nicht nur unsere jüdischen Stammgenoffen geschädigt, sondern auch die jüdische Religion durch Verbreitung der elenden Ritualmord- Legende aufs Schnödeste beschimpft hatte. Was man keinem Katholiken zumuten würde, einem offenen Gegner seiner Religion die Klinke der Gesetzgebung in die Hand zu drücken, das mutet man dem deutschen Juden zu und faselt von „Polensympathie der Juden", wenn die deutschen Juden sich nur für solche christliche deutsche Kandidaten erwärmen wollen, von denen sie vorurteilsfreie Gesinnung voraussetzen. Wenn sich die Deutschen in Gegenden mit gemischtsprachlicher Bevölkerung in den antisemitischen Sumpf führen lassen, fördern sie selbst den Sieg der Polen, der den Führern der judenfeindlichen Fraktion offenbar willkommener ist als ein friedliches Zusammengehen von Juden und Christen im Interesse des Deutschtums. In ihrer blinden Parteiwut schreibt die „ Staatsbürg er-Ztg.": „Es steht zu hoffen, daß es infolge des im Osten wehenden scharfen antisemitischen Windes gelingen wird, die freisinnigen Abgg. Peltasohn und Ernst bei den Landtagswahlen aus den Kreisen Wongrowitz-Mogilno-Znin und Samter - Obornik - Birnbaum hinauszuwerfen, wie es bei den Reichstagswahlen möglich gewesen ist, Herrn Ernst in seinem Heimatkreise Schneidemühl auszumerzen. Die Beseitigung des Herrn Peltasohn wäre gerade im Interesse des Deutschtums ein verdienstvolles Werk." Wir behaupten das Gegenteil, nicht etwa im Interesse des Judentums, das weit schwerere Zeiten als die unseren glücklich