Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 577 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 577 dem Gesetz das höchste Ideal; ihnen gilt als „Verpöbelung" nur das Treiben der Knechte, die uns Zu Knechten wachen wollen! Wer die Bürgerfreiheit und Gleichheit hochhält, gilt diesen Bewunderern aristokratischer Vorrechte als Freund des Umsturzes; die „Post" und die „Staatsbürger-Ztg." haben aus unbezwinglichem Widerwillen gegen den Liberalismus bei der Stichwahl in Dessau ihren Gesinnungsgenossen den Rat erteilt, dem mindergesährlichen sozialdemokratischen Kandidaten zum Siege üben den kandidierenden liberalen Führer Schräder zu verhelfen. Als dieser trotzdem mit einer Mehrheit von 1400 Stimmen gewählt wurde, entblödete sich die „Staatsbürger-Ztg." nicht zu sagen: „Ein erheblicher Teil der Wähler Schirmers hat für Schräder gestimmt, obwohl die Unterstützung Schrader's gegenüber dem Sozialdemokraten gleichbedeutend ist damit, als wenn man den Teufel durch Beelzebub austreiben wollte. Diejenigen rechtsstehenden Wähler, die für Schräder eingetreten sind, haben damit einen Akt politischer Selbstverleugnung begangen, für den sie den Dank nicht ernten werden." Solche erbitterte Feindschaft gegen den bürgerlichen Freisinn und solches offenkundige Streben, erst für die Partei und dann erst für das Vaterland zu wirken, ist nur dazu geeignet, selbst die stets eine vermittelnde Haltung bewahrende nationalliberale Partei über den Wert der „nationalen" Gesinnung der Antisemiten und ihrer konservativen Gönner aufzuklären. Auf dem Vertretertage der Jungliberalen hat bereits der Abg. Sattler erklärt, „die Politik der Konservativen habe im Laufe der Jahre die Rücksicht auf den Gesamtorganismus, die staatlichen Gesichtspunkte in den Hintergrund treten lassen. Sie seien heute eine wirtschaftlich-egoistische Gruppenpartei geworden; ihr Programm sei Agrarismus und Ort hodoxismus. Auch die nationale Gesinnung sei bei einzelnen nicht ganz einwandsfrei; es genüge, an „Kanitz und die Kähne" zu erinnern." Unter dem Deckmantel „deutsch-nationaler" Gesinnung hat der Antisemitismus ganz besonders in den Ostmarken antinational gewirkt. Der politischen, geschäftlichen und gesellschaftlichen Boykottierung der Juden durch den großen Teil der deutschen Beamten ist es hauptsächlich zuzuschreiben, daß sich die jüdische Bevölkerung in der Zeit von 1867 bis 1900 im Regierungsbezirk Posen um 47,46 von Hundert, im Regierungsbezirk Bromberg um 43,51 von Hundert verringert hat. Da die Seelenzahl der Juden im preußischen Staate in der angegebenen Zeit sich um 25,28 von Hundert vermehrt hat, ist die große Verringerung ihre.r Zahl in den Ostmarken zweifellos auf die Abwanderung nach dem Westen zurückzuführen. Im Osten aber ist überall an die Stätte,