Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-10-01
- Page
- 576 (sequence 4)
- Language
- German
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576 Im Deutschen Reich. oder der Ausnahmegesetze durch die antisemitischen Wähler drängen lassen, die sich auch hierbei als die Vorarbeiter des Umsturzes erweisen. Täglich bezeichnet die Antisemitenpresse die bestehende Staats- und Gesellschaftsordnung als eine fehlerhafte, durchaus „reformbedürftige" - das aber hindert die „Staatsbürger-Zeitung" nicht, infolge einer Aeußerung Singers bei Eröffnung des sozialdemokratischen Parteitags in Dresden zu behaupten, das Sozialistengesetz sei zum Schutze der Staats- und Gesellschaftsordnung nötig und kein „Schergengesetz" gewesen wie die Juden-Emanzipation. Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß diese Gleichberechtigung der Juden erst durch das Gesetz vom 3. Juli 1869, an dem neben dem Abgeordneten Wiggers der Führer der katholischen Zentrumspartei, Windthorst, den hervorragendsten Anteil hatte, vervollständigt und gefestigt wurde. Nicht aus Vorliebe für die Juden hat dafür Windthorst gewirkt, sondern aus der ehrlichen Ueberzeugung, daß Ausnahmegesetze, gleichviel ob sie sich gegen Ultramontane, Sozialdemokraten oder Juden richten, dem Rechtsgesühl widersprechen, daß die bestehenden Strafgesetze, wenn sie sich nicht allgemein als ausreichend erweisen, geändert werden müssen, aber nicht auf einzelne Bevölkerungsklassen verschieden zugeschnitten werden dürfen. Diese Staaten- und Gesellschaftsordnung,' welche die Gleichberechtigung aller Staatsbürger wenigstens in der Theorie anerkennt, ist nicht nach dem Geschmack der Antisemiten. Die „Post" verhehlt dies so wenig wie die übrigen judenfeindlichen Blätter; sie wünscht deshalb Männer herbei „mit Eisen im Blute und Nerven im Leibe, die die Kraft haben, den aristokratischen Zug im Germanentum wieder einmal zur Geltung zu bringen." Was sie ersehnt und erhofft, drückt sie in folgenden Worten aus: „Die Wiedererweckung unserer urdeutschen Rassetugend, der Mannentreue, die sich in der Sehnsucht nach einem Manne dokumentiert, einem Ideal, zu dem wir aufschauen, an den wir uns anschließend für den wir uns aufopfern können. Wir brauchen einen Mann, der nach dem äußeren Sedan uns zu einem inneren Sedan führt und uns von der undeutschen, zersetzenden demokratischen Derpöbelung erlöst zu einer aristokratischen Veredelung." Dieser Wunsch nach „aristokratischer Veredelung" ist nichts anderes als die Sehnsucht nach Versassungsbruch und nach den Fleischtöpfen ägyptischer Sklaverei; das Mißbehagen an der angeblichen „demokratischen Verpöbelung" nichts anderes als der Drang, im Frohndienst wieder mittelalterliche Raubritterburgen aufzubauen oder als Knappen sich für bevorrechtigte Edelleute zu opfern. Für diese Romantik fehlt den deutschen Juden das Verständnis; ihnen ist die Gleichheit aller deutschen Bürger vor