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Im deutschen Reich · 1903-10-01 · Heft 10 (Oktober 1903) · p. 571

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 10 (Oktober 1903)
Article
Christentum und Antisemitismus
Date
1903-10-01
Page
571 (sequence 5)
Language
German
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IRI
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Christentum und Antisemitismus. 571 unmöglich ist, für diese judenseindliche Gesinnung auch nur ein einziges Wort der Rechtfertigung vorzubringen. Mein Schreiben vom 17. Juli mit meinen früheren Briefen an Sie in Einklang zu bringen, meinen Sie, sei unmöglich? O nein, Herr Pastor, der Unterschied erklärt sich sehr einfach dadurch, daß Sie sich früher mir gegenüber als ein ganz anderer zeigten, als ein Mann, den ich ehren und achten konnte, und an den ich auch solchen Gefühlen entsprechend schrieb, während Sie mir bei Ihrem jetzigen Besuche Ihr wahres Gesicht, Ihre wahre Gesinnung, gezeigt haben! Und da wundern Sie sich noch — oder Lun wenigstens so — daß ich jetzt, nachdem ich Sie erkannt, nachdem ich Ihnen erklärt, wie verächtlich mir der Antisemitismus und die Antisemiten sind, besonders die Zeloten im Talare — da wundern Sie sich angeblich, daß ich in meiner Entrüstung jetzt in einem anderen Tone an Sie schreibe als in den letzten Jahren?! Verbittert, meinen Sie, habe mich das Leid, der Verlust meiner treuen Lebensgefährtin? Nein, Herr Pastor, das wissen Sie ja aus meinen letztjährigen Briefen besser, daß ich heute noch tief traurig über meinen großen Verlust bin, aber dies Leid still und ergeben und vor der Welt verborgen trage; verbittert haben mich auch nicht die Täuschungen und Falschheiten sogenannter Freunde, auch nicht einmal Ihre unverantwortliche Handlungsweise, und nur das Gefühl des aufrichtigsten Mitleids und Bedauerns habe ich für Sie, der Sie besser täten, selbst dem Licht und der Liebe nachzustreben, statt Haß und Verachtung gegen Andersgläubige zu säen, der Sie lieber nach dem Balken im eigenen Auge als nach den Splittern in anderer Augen suchen und sorgen sollten, daß Ihre Taten und Worte im privaten Leben mit Ihrem Worte von der Kanzel übereinstimmten. Sie werfen mir vor, daß ich im aufbrausenden Zorne Wege beschreite, die zur Finsternis und zum Hasse führen, Sie, der Sie, ohne von Zorn erregt zu fein, mit Ruhe und Gleichmut Haß gegen Andersgläubige äußern?! Mann Gottes! Wissen Sie denn nicht, daß es einen Zorn gibt, den man einen heiligen Zorn nennt, der vollberechtigt ist, wenn das Herz sich vor Empörung aufbäumt? Müßten Sie mir nicht dankbar sein, daß ich bei Ihren Schmähreden und Beleidigungen meinen gerechten Zorn-bezwang? Gewiß ist der Zorn sonst ein schweres Uebel, und offen bekenne ich, daß ich leider auch mich wenn ich schwer gereizt war, von demselben habe übermannen lassen, statt ihn, wie Ihnen gegenüber, zu

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