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Im deutschen Reich · 1903-09-01 · Heft 9 (September 1903) · p. 539

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 9 (September 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-09-01
Page
539 (sequence 11)
Language
German
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Umschau. 539 Karl Gutzkow hat vor langen Jahren einmal gesagt, die Juden müßten Geduld mit den Christen haben, die sich erst nach und nach an die Gleichberechtigung gewöhnen müßten. Wir haben diese Geduld hinreichend bewiesen; jetzt müssen wir aber um etwas Geduld mit uns bitten, weil unsere Haut durch unzählige antisemitische Nadelstiche reizbarer geworden zu sein scheint, als vielleicht gut und nützlich ist. Die Juden des Mittelalters waren in einer Zeit der allgemeinen Unfreiheit an Bedrückungen nahezu gewöhnt und ertrugen sie mit schwärmerischer Extase oder stumpfer Resignation.-Wir jedoch haben bessere Tage gesehen, fühlen uns als gleichberechtigte, freie deutsche Männer, die keinen Schimpf dulden und dem Vaterlande sicher nicht weniger Ehre machen und Opfer bringen als diejenigen, die uns wieder zu Heloten machen wollen. Wir ehren die religiösen Ueberzeugungen unserer christlichen Mitbürger, erwarten auch Achtung vor unseren Ueberzeugungen und Einrichtungen, verwahren uns aber sehr entschieden gegen den leider häufigen Unfug, daß man der jüdischen Glaubensgemeinschaft irgendwelche Kritik zur Last legt, die Blätter jüdischer Verleger von christlichen Redakteuren an christlichen religiösen Einrichtungen zuweilen geübt wird. Wir verwahren uns ferner dagegen, daß man den glaubenstreuen Juden solche Männer, die dem Judentum längst Valet gesagt haben, wieder an den Rockschoß hängt, sobald sie sich irgendwie mißliebig machen. Unsere Religion halten wir als deutsche Juden viel zu hoch, als daß wir es für angezeigt hielten, sie gegen die erbärmlichen Blutmordmärchen zu verwahren. Daß ein von zahlreichen Delegierten aus Oesterreich, Rußland und Frankreich besuchter Rabbiner-Kongreß in Krakau vor geöffneter Bundeslade einen feierlichen Protest gegen das Blutmärchen für nötig erachtete, ist nur „ein Monument für unserer Zeiten Schande"; nützen wird es wenig, denn die der Antisemitenkrankheit Verfallenen sind durch jüdische Beteuerungen nicht zu heilen und für gesunde deutsche Naturen bedarf es solcher Mittel nicht; diese dürften sich eher verletzt fühlen, wenn man ihnen ernstlich Vernunftwidriges zutraute. Daß auch in einzelnen deutschen Landesteilen das von gewissenlosen Agitatoren künstlich aufgefrischte uralte Ritualmordmärchen noch in unserer aufgeklärten Zeit Glauben gefunden und unsägliches Unheil angerichtet hat, ist leider nicht zu bestreiten, aber auch dort, wo unter dem Eindruck der seltsamsten Suggestionen ein so großes Maß von Eidesleistungen gehäuft wurde, hat kein noch so feierlicher Eid den krankhaften Wahn verscheucht. Die Wahrheit hat aber eine so große Macht, daß das feinste Lügengewebe doch schließlich zerreißt; auch dort, wo heute noch ein - unaufgeklärt gebliebenes Verbrechen den widersinnigen Glauben an einen Blutmord

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