Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-09-01
- Page
- 538 (sequence 10)
- Language
- German
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538 Im deutschen Reich. sich der ehemalige Hosprediger auch von einer tatsächlich „Minderbegabten Minorität", aber nicht von einer jüdischen, beeinflussen lassen und den Jargon der radikalen Antisemiten vollständig angeeignet. Er sagt ja mit andern Worten ungesähr dasselbe, was das Organ der Hamburger und Altonaer Antisemiten, das „Deutsche Blatt" in einem „Versudelung des Arbeitssinnes" überschriebenen Artikel als Gist verspritzt. Dort heißt es: „Ein Stück des deutschen Geistes ist aus das Niveau des jüdischen Geistes hinabgezerrt worden, ist verjüdelt. Ein Vorgang, der andere Teile des deutschen Geistes schon eher ^betroffen hat. Zum Beispiel den deutschen Geist aus den Gebieten Handel und Wandel, Sitte, Recht, Lebenssührung. Will man darob sagen, das Wesen Judas müsse doch wohl das bessere sein, wenn es gesiegt habe, denn das Beffere siege eben? So antworten wir: Will man die bekannte Tatsache übersehen, daß wohl Krankheiten ansteckend sind, nicht aber Gesundheit?" Die Juden übersehen diese Tatsache keineswegs; sie erkennen vielmehr in dem Antisemitismus eine pestartige Krankheit und bemühen sich alle Kreise zu vermeiden, die von ihr infiziert sind. Daß sie zuweilen darin zu weit gehen, halten wir nicht sür unmöglich, aber zum Vorwurf kann man es ihnen doch nicht machen, wenn sie Berührung mit Leuten vermeiden, die mit der „antisemitischen Krankheit" behaftet sind, gegen die sie eine mindestens ebenso „unüberwindliche Abneigung" hegen, wie sie selbst nach derBehauptung der „Kreuz-Zeitung" den Anhängern des frommen Blattes einflößen. Nichts liegt den deutschen Juden ferner, als sich freiwillig wieder in Ghettomauern einzuschließen; nur gezwungen bleiben sie unter sich, wenn sich ihnen früher interkonfessionelle Kreise verschließen, in denen sie sich in lichtvolleren Zeiten wohl gefühlt und stets rühmlich betätigt haben. Wenn z. B. selbst an der Kölner Handelshochschule die beiden farbentragenden Verbindungen „Hansea" und,, Ubia" keine Juden ausnehmen, wenn die jüdischen Turner aus dem Turnverein derselben Handelshochschule ausscheiden müssen, weil dieser Verein sich dem satzungsmäßig die Juden ausschließenden „allgemeinen studentischen deutschen Turnerbund" anreiht, dann darf man sich nicht wundern, wenn manche jüdische Turner bei den „volkstümlichen" Uebungen einen Anschluß an ihre Glaubensgenossen suchen. Die Juden können sich nirgends aufdrängen; wo man ihre Mitwirkung bei gemeinnützigen Dingen wünscht und gern sieht, wo man ihnen die Achtung entgegenbringt, auf die sie als ehrenwerte Bürger Anspruch haben, werden sie sich gewiß nie absondern — „dann ruft uns nur; es soll an uns nicht fehlen!"