Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 9 (September 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-09-01
- Page
- 530 (sequence 2)
- Language
- German
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530 Im deutschen Reich. eine ganze Schaar von Glücksrittern, die von dem Zusammenbruch der wertvollsten Errungenschaften auf dem Gebiete der bürgerlichen Freiheiten, zu denen auch die Gleichberechtigung der Juden zweifellos gehört, Vorteile für sich zu ziehen hoffte. Seit fast dreißig Jahren führen diese Bundesgenossen einen erbitterten Kamps nicht nur gegen die durch Verfassung und Gesetz gleichberechtigten deutschen Bürger jüdischen Glaubens, sondern gegen die ganze gesellschaftliche Ordnung, an deren Stelle sie wieder jene unglückseligen, mittelalterlichen Verhältnisse setzen möchten, die erst überwunden werden mußten, um lichtvollere Zeiten herbeizusühren. Wenn dieses lichtscheue Treiben so lange geduldet wurde, wenn eine verhältnismäßig kleine Zahl politischer Jntriguanten es sogar dahin bringen konnte, weite Kreise des Mittelstandes glauben zu machen, daß der Antisemitismus ein geeignetes Mittel sei, die Schwierigkeiten einer großen wirtschaftlichen Übergangsperiode zu überwinden, dann mag dies teilweise einer Staatskunst zuzuschreiben sein, welche nach der Maxime „trennen, um zu herrschen," durch die Zulassung der Anfeindung der Juden die Macht der ihr unbequemen liberalen Opposition zu brechen hoffte. Nicht minder aber erzielten die unter der Maske loyaler Gesinnungen die bestehende staatliche Ordnung bekämpfenden „pseudomonarchischen Anarchisten" mannigfache Erfolge dadurch, daß sie inBezug auf ihre Kampfmittel wenig wählerisch waren, daß sie nicht nur beständig an die schlimmsten Instinkte der Massen: Neid, Haß und Argwohn appellierten, sondern auch vor keiner Verleumdung zurückscheuten, um die Maßgebenden Kreise einzuschüchtern und möglichst zu verhindern, gleiches Recht jedem Bürger zu gewähren, auch solchen, die den Antisemiten sei es als Juden oder als vorurteilsfreie Christen oder auch nur deshalb verhaßt waren, weil sie Charakter genug besaßen, sich nicht der Schreckensherrschaft rücksichtsloser Fanatiker willig zu fügen. Der antisemitische Terrorismus würde aber auch sicher nicht so unheilvolle Folgen gehabt haben, wenn ihm nicht die Scheu vornehmer Naturen davor, sich mit Schmutz bewerfen zu lassen, sein unheimliches Werk erleichtert hätte. Immer höher hinauf wagte sich die Vermessenheit der Antisemiten, ohne genügende Ahndung zu erfahren; sie begnügten sich nicht damit, jeden Beamten, der pflichtgemäß auch einem Juden Recht widerfahren ließ oder gar die Gesetzesverletzungen antisemitischer Wühler ahndete, zu einem „bezahlten Judenknecht" oder zu einem durch die sogenannte jüdische Presse übertölpelten Dummkopf zu stempeln — nein, sie münzten sogar die Lüge von einer „jüdischen Nebenregierung" und verleugneten dadurch vollständig die Achtung, die sie als angeblich monarchisch gesinnte