Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 479 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 479 unseres Dorfes und des größten Teiles unserer Felder. Mit bewunderswertem Fleiß arbeiteten hier Zivil und Militär. Graf Pückler erscheint, sieht zwei Herren, denen er nicht besonders „gnädig" gesinnt zu sein scheint, verbietet ihnen den ferneren Aufenthalt im Park und giebt Befehl, sie zu arretieren. Es senkt sich der Tag. Die Gefahr wird immer größer, die Leute strengen ihre letzten Kräfte an, da — horch! — lustiges Trompetengeschmetter! Graf Pückler läßt sich von seiner Kapelle zum Konzert aufspielen! Klingt dieses „Geschmetter" nicht wie Hohn für die arbeitenden, rettenden, händeringenden Dorfbewohner und für alle, die herbeigeeilt waren, zu Helsen?" Man könnte hinzusügen „wie Hohn über die dem gräflichen Gutsbesitzers bescheinigte religiöse Gesinnung!" Den Antisemiten ist die Freude über den Ausgang der Pückler- Prozesfe um so mehr zu gönnen, als ihre Parteisache davon voraussichtlich weit mehr Nachteile als Vorteile haben wird. Daß die Sozialdemokratie dabei abermals erntet, was die antisemitischen Parteien und ihre konservativen Gönner gesäet haben, ist unschwer vorauszusehen. Wenn auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen die Opposition sich verstärkt, wenn vielleicht eine Anzahl Sozialdemokraten Sitz und Stimme im preußischen Abgeordnetenhause erhält, dann werden die Organe der antisemitischen Tivoli-Konservativen dies wieder fälschlich dem Einflüsse der Juden zuschreiben, statt Andern wie sich selbst gegenüber zu bekennen, daß sie durch ihre Beeinflussung in solchen Fällen, welche das Volksempfinden verletzen mußte, allein die Schuld tragen. Der fromme „Reichsbote" schrieb am 17. Juli: „Bekanntlich hat sich das Judentum schon bei den Reichstagsstichwahlen geschlossen zu Gunsten der Sozialdemokratie eingesetzt." Bei Behauptungen, für die sie nicht den Schimmer eines Beweises hat, behilft sich diese Gattung der deutschen Presse immer mit dem Wörtchen „bekanntlich", und ihre Leser glauben dann an Dinge, die nirgend ^bekannt" sind. Darauf kann jedenfalls die konservative Partei rechnen, daß die bei den Reichsstichwahlen von den Juden gemachten Erfahrungen nicht ungenutzt bleiben werden. Das „Judentum" hat tatsächlich bei den Reichstagswahlen nicht geschloffen für eine einzelne politische Partei gestimmt und wird dies auch bei den preußischen Landtagswahlen nicht tun. Das aber steht zu hoffen, daß die deutschen Juden es als ihre Bürgerpflicht und zugleich als Ehrensache betrachten werden, bei den bevorstehenden Wahlen in allen Fällen, in denen ausgesprochen antisemitisch-konservative, konservativ-antisemitische Kandidaten in Frage kommen, ihren ganzen Einfluß zu Gunsten der Gegenpartei einzusetzen, gleichviel,