Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 480 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316709--11322-2331931- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
480 Im deutschen Reich. welcher politischen Richtung diese huldigt! Ein für alle Male muß daran sestgehalten werden: das deutsche Reich und das Judentum haben einen gemeinsamen Feind: das ist derjenige^ welcher den Religions- und Rassenhaß verbreitet. Ehe dieser nicht am Boden liegt, wird die Volkswohlfahrt nicht gedeihen. Wer mit antisemitischen Volksaufwieglern paktiert, schädigt das deutsche Vaterland mehr als die jüdische Glaubensgemeinschaft. Eine Lächerlichkeit ist es, wenn ein „völkisches" Wochenblättchen, die „Toleranz", und mit ihr die antisemitische „Deutsche Zeitung" „den Anschluß der Juden an die nationalen Mittelparteien fordern, bei denen die Juden früher mächtiger gewesen seien und bei denen sie den Einfluß verloren hätten, seit Lasker zu einer radikalen Opposition gegen das Wirtschaftsprogramm der Reichsregierung abgeschwenkt sei." Lasker und mit ihm mancher andere deutsche Jude folgten ihrer politischen Ueberzeugung, indem sie ein von ihnen als für ihr deutsches Vaterland nachteilig erachtetes Wirtschaftsprogramm bekämpften, unbekümmert darum, ob ihre Glaubensgenossen dadurch Sympathien verlieren könnten. Wir aber würden das Vaterland und unsere Glaubensgemeinschaft schädigen, wenn wir irgendwie Anschluß an Parteien suchen wollten, die unter der trügerischen Flagge „nationaler Mittelparteien" Ziele verfolgen, welche weder das Wohl der deutschen Nation fördern, noch mittlere Wege einschlagen, sondern mit extremen Mitteln nur Fraktionszwecke zu erreichen streben. „Wer hinter der „Deutsch-völkischen Wochenschrift für Juden und Christen", die sich „Toleranz" nennt, steht, wissen wir nicht", schreibt die antisemitische „Deutsche Zeitung"; auch wir wissen es nicht und begehren es nicht zu wissen. Der Name „Toleranz" übt auf uns keine Zugkraft mehr aus, denn was wir wollen, ist nicht Duldung, sondern Recht; was wir fordern, ist ehrliche Erfüllung gegebener feierlicher Zusagen in alter deutscher Treue. Uns ist nicht damit gedient, liebenswürdige Gastfreundschaft zu genießen; wir verlangen die Verwirklichung unseres vollen Bürgerrechts, Gewähr dafür, „mitraten und mittaten" zu dürfen. Daß man damit zurückhält und um die verbriefte Gleichberechtigung zuweilen wie die Katze um den heißen Brei herumgeht, kränkt uns fast weniger als Juden wie wegen der deutschen Bürgersreiheit, die auch nur aus dem Papier steht, wenn nicht jederzeit und überall gleiches Recht für Alle gilt. Deshalb ist ein antisemitischer Freisinn undenkbar; der Liberalismus, welcher dem Antisemitismus Zugeständnisse macht, wütet gegen sich selbst und verkennt, daß die Urheber der politischen Reaktion in der Hauptsache nur die Emanzipation bekämpften, um andere ihnen lästige Errungenschaften des