Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. 472

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-08-01
Page
472 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2316602-2316701-2316709--11314-2331923
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

472 Im deutschen Reich. demokratie. Für die Sozialdemokratie, die sich als Vertreterin der Arbeiter darstellt, ist es eine Lebensfrage, für die Gleichheit aller vor dem Gesetze einzustehen und gegen jeden Versuch anzukämpfen, irgendwelche mittelalterlichen Vorrechte wieder geltend zu machen, welche nur aus dem „Zufall der Geburt" hergeleitet werden und nur dazu dienen können, einen Teil des Volkes wieder zu rechtlosen Knechten herabzuwürdigen. Ein kaum geringeres Interesse daran, solche verbrecherischen Versuche zu hemmen, hat die katholische Zentrumspartei, welche seit Jahren gegen Ausnahmegesetze, für die Freiheit der religiösen Ueberzeugung und für die Unantastbarkeit aller religiösen Einrichtungen mit Erfolg eingetreten ist. Daß die liberalen Volksvertreter in jedem Angriff auf die Gleichberechtigung der Juden den Beginn des Zusammenbruchs aller Errungenschaften aus dem Gebiete der bürgerlichen Freiheit erkennen müssen, versteht sich von selbst, aber ihre Zahl ist nur klein, und ihre wenigen Mandate sind ihnen erst bei der Stichwahl unter Beihilfe gegnerischer Parteien zugefallen. Dazu kommt, daß das Fraktionswesen in den Reihen der Liberalen eine Zersplitterung herbeigeführt hat, welche einen gemeinsamen wirksamen Schutz der bürgerlichen Freiheit sehr erschwert. Umso erfreulicher ist es, daß aus der Mitte der Zentrumspartei schon vor Beginn der Tagung des deutschen Parlaments Stimmen laut werden, welche die Schreier übertönen, die auch in katholischen Kreisen für den antisemitischen Umsturz Stimmung zu machen suchen. In dem Ravensburger „Magazin für volkstümliche Apologetik^ schreibt W. Kriege: „Ein kostbares Gut der Gemeinschaften ist der religiöse oder konfessionelle Friede. Ein Ausgleich sämtlicher Konfessionen, ja auch nur der bestehenden christlichen, ist garnicht denkbar ohne ein wunderbares Eingreifen Gottes. Daß ein Hirt und eine Herde werde, ist wohl der innige Wunsch und das fromme Gebet der katholischen Christen, aber unter den heutigen Zeitverhältnissen und Zeitströmungen in absehbarer Zeit nicht zu verwirklichen. Ein Friede ist also heutzutage nur erreichbar durch gegenseitiges Ertragen und Dulden der verschiedenen Konfessionen und durch Zulassen der diesen Konfessionen eigenen Gebräuche, rituellen Vorschriften, Zeremonien und religiösen Anschauungen. So macht man es auch den Juden gegenüber, denen der Staat selbst das Recht des „Schächtens" der Tiere beließ, trotzdem eine große Anzahl Volksvertreter diese Art des Schlachtens als Tierquälerei verwerfen wollte; denen man ferner auf Grund ihrer Kultusforderungen das Recht zugestand, sich eigene Kirchhöfe anzulegen und zwar wo und wie ihre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.