Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 471 (sequence 1)
- Language
- German
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471 Umschau. emt noch irgend jemand daran gezweifeLL hätte, daß der Antisemitismus „ein Geschäft" geworden ist, das seinen Mann nährt, so müßten ihn davon die Worte überzeugen, mit welchen der neue Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bruhn seine Rede bei einer am 26. Juni abgehaltenen Siegesfeier des Deutschen Antisemitenbundes schloß. Er sagte: „Ich glaube für mich und im Namen meiner Freunde das Versprechen abgeben zu können, daß die neugewählten Abgeordneten sich die Vertretung des Antisemitismus im Reichstage ganz besonders angelegen sein lassen werden und keineswegs der Meinung sind, mit dem Antisemitismus seien im Parlament keine Geschäfte zu machen". Den Herren in der „HandelsstätLe der Friedrichstraße" geht offenbar das Geschäft über alles; sie haben auf Kosten des bürgerlichen Friedens und des Wohlstandes eines ganzen Regierungsbezirkes mit der traurigen Konitzer Affaire ihr Geschäft wieder in Flor gebracht, auch neuerdings wieder während des Wahlkampfes den Ritualmordwahn geschickt ausgefrischt, um Ungebildete Zu umgarnen und Feige zu Charakterlosigkeiten zu bringen, und dadurch bei den Stichwahlen mehrere Sitze im Reichstage ergattert. Daß sie es versuchen werden, auch im Parlamente selbst „mit dem Antisemitismus Geschäfte zu machen", ist von ihnen also auch ohne das von Bruhn abgegebene Versprechen zu erwarten. Es stünde aber schlimm um Deutschland, wenn solche schnöden Versuche der auf neun Mandate zurückgegangenen kleinen Schar der antisemitischen Abgeordneten nicht mit Entschiedenheit zurückgewiesen, wenn nicht gleich bei dem ersten derartigen Versuche die geschäftslüsterne Firma Bruhn und Böckler belehrt würde, daß zur Volksvertretung des deutschen Reiches Männer von idealer Gesinnung gehören, die sich von dem rücksichtslosen Treiben antisemitischer Geschäftsreisender angewidert fühlen. Die Zusammensetzung des deutschen Reichstages ist eine solche, daß besonders zwei Parteien ein gewichtiges Wort zu sprechen haben, welche, wenn auch nicht den Juden zuliebe, doch mit Rücksicht auf ihre eigenen fundamentalen Sätze hinreichenden Anlaß haben, Angriffe auf die Rechte einer religiösen Minderheit des deutschen Volkes zurückzuweisen — das Zentrum und die Sozial-