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Im deutschen Reich · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. 463

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nachklänge zu den Reichstagswahlen
Date
1903-08-01
Page
463 (sequence 7)
Language
German
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Nachklänge zu den Reichstagswahlen. 463 berechtigt herausgestellt. So hat sich die Behauptung der „Kreuz-Zeitung", daß sich zwei jüdische Rechtsanwälte in Stargard für die Wahl des Ritualmord-Predigers Krösell ins Zeug gelegt hätten, als unbegründet erwiesen. Außerdem lagen in jenem Wahlkreise die Dinge ungefähr so wie seinerzeit in Friedeberg-Arnswalde, als dort der burlesken Kandidatur Ahlwarts die den Juden mindestens ebenso antipathische des konservativen Antisemiten Ring entgegengestellt war. Jetzt war in dem Wahlkreise Pyritz-Satzig dem Pfarrer Krösell, der seinen Antisemitismus vollständig in die Tasche gesteckt und in sozialdemokratischer Weise den „kleinen Mann" umworben hatte, der konservativ-agrarische Kandidat, Gutsbesitzer Nicolai, entgegengestellt, der den Antisemitismus so offen als Vorspann benutzte, daß seine Wahl mit den Worten empfohlen wurde, „heutzutage müsse eigentlich jeder anständige Mensch Antisemit sein!" Dies macht freilich vieles erklärlich. Ueber die auffallenden Vorgänge bei der Reichstagswahl in Kassel ist der „Freisinnigen Zeitung" berichtet worden: „Die jüdischen Wähler hatten vielfach den großen Fehler begangen, im ersten Wahlgang für den Sozialdemokraten statt für den Nationalliberalen zu stimmen. Dadurch war der Antisemit statt des Liberalen in die Stichwahl gekommen. In der Stichwahl aber hatten augenscheinlich nur wenige jüdische Wähler mehr für den Sozialisten gestimmt. Die andern haben sich enthalten oder sogar für den Antisemiten gestimmt. (??) Den Ausschlag für den bündlerischantisemitischen Kandidaten hat übrigens nicht Kassel, sondern dev ländliche Kreis Melsungen gegeben." Wir lassen dahingestellt, ob dieser Bericht vollständig zutreffend ist; daran zu glauben, daß Juden für den Antisemiten gestimmt haben, fällt uns freilich schwer; wir würden es sogar bestimmt bestreiten, wenn nicht der oben besprochene Fall Schlochau vorgekommen wäre. An geschehenen Dingen ist indessen nichts mehr zu ändern. Der Wahlkampf ist vorüber, nun gilt es die Scharten auszuwetzen. Wir leben der Hoffnung, daß das Lehrgeld nicht zu teuer bezahlt sein wird, sondern daß sich nun in der deutschen Volksvertretung Männer finden werden, welche Lust und Kraft haben, die Haßgebilde der antisemitischen Volksverführer zu zerstören und der wohlverdienten Verachtung preiszugeben. Ist dies der Fall, dann hätte die Wahl der Herren Bruhn, Böckler und Krösell ihr Gutes; denn dann würden diese, genau wie Ahlwardt mit seinen Aktenstößen und Judenflinten, alsbald darüber belehrt sein, daß es weit leichter ist, von einer urteilslosen, johlenden Menge in sogenannten Volksversammlungen reichliche Eintrittsgelder, Lorbeerkränze und' fanatischen Beifall einzuheimsen, als auf der Tribüne eines Parlaments

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