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Im deutschen Reich · 1903-08-01 · Heft 8 (August 1903) · p. 462

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 8 (August 1903)
Article
Nachklänge zu den Reichstagswahlen
Date
1903-08-01
Page
462 (sequence 6)
Language
German
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462 Im deutschen Reich. dem Tage vor der Stichwahl wurde in Schlochau folgendes Flugblatt verbreitet: „Herr von Komierowski (Pole) ist nach seinen gestrigen Erklärungen nicht der Mann, dem ein deutscher Jude seine Stimme in der Stichwahl geben kann, da er sein Polentum in den Vordergrund stellt. Es wird uns schwer, einem Antisemiten vom Schlage Böcklers zum Siege zu verhelfen; es bleibt uns aber keine Wahl. Wir empfehlen daher, entweder Böckler zu wählen oder dem Wahlakte fern zu bleiben. Prediger Lewin. Blumenthal, Stadtverordneter. Julius Reumann, Mühlenbesitzer." Daß sich drei Juden, darunter ein jüdischer Lehrer, bereit fanden, die Wahl eines Ritualmord-Apostels zu empfehlen, anstatt in einem solchen Falle offen für einen Polen als das kleinere Uebel einzutreten, hat in den weitesten Kreisen die schmerzlichsten Empsindungen wachgerufen. Don den Antisemiten hat jenes Triumvirat und sein Gefolge selbstverständlich keinen Dank geerntet; denn jene weisen mit Recht darauf hin, daß die Stimmen der 600 jüdischen Wähler bei der von Böckler erzielten Mehrheit von 6000 Stimmen garnicht in die Wagschale fallen. Der wenig judenfreundliche „Graudenzer Gesellige" rühmt zwar die patriotische Haltung der Schlochauer Juden, erklärt jedoch, daß die jüdischen Wähler sich überall mit einer Ausnahme der Wahl enthalten hätten. Wenn aber dasselbe Blatt behauptet, daß die „rühmliche" Haltung der Juden dazu beitragen werde, der antisemitischen Propaganda im Schlochauer Wahlkreise die Spitze abzubrechen, so widersprechen dem die neuesten beunruhigenden Berichte, die wir aus jener Gegend empfangen haben. Wer nicht für die eigene Sache charaktervoll einsteht, kann keinem deutschen Manne Respekt oder gar Sympathie einflößen. Der bedauerliche Wahlaufruf ist das Ergebnis einer politischen Nötigung seitens des Antisemitismus gegenüber den Juden; das Mittel der Nötigung war die rohe Gewalt, deren Proben bereits vor drei Jahren in Könitz, Schlochau rc. abgelegt worden sind. Die Stellung der Juden bei den Wahlen und Stichwahlen war von dem Central-Verein klar vorgezeichnet: „Unter allen Umständen gegen die Antisemiten!" Diese Binsenweisheit hätte man für selbstverständlich halten sollen; sie ist aber nur dort zur Geltung gelangt, wo der Central-Verein zahlreiche Anhänger zählt und seine Tendenzen den Wählern in Fleisch und Blut übergegangen waren. In einzelnen Wahlkreisen, von denen man anfangs Aehnliches wie aus dem Kreise Schlochau-Flatow berichtete, haben sich die Verdächtigungen als un--

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