Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 8 (August 1903)
- Article
- Nachklänge zu den Reichstagswahlen
- Date
- 1903-08-01
- Page
- 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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464 Im deutschen Reich. vor gebildeten Volksvertretern antisemitische Hirngespinste mit Würde und Ernste zu verteidigen. Gern hätten wir mehr erwirkt, als in dem Wahlfeldzuge schließlich erzielt worden ist, aber wir sind weder enttäuscht noch entmutigt, denn das Möglichste ist geschehen, das Schlimmste verhütet worden. Der Central-Verein hat Opfer und Mühe nicht gescheut, um der von ihm ausgegebenen Losung getreu in den Wahlkampf ein- Zugreifen. Daß er dabei nicht mit Hunderttausenden um sich geworfen hat, wie antisemitische Organe behaupten, braucht nicht nachgewiesen zu werden, da er über Mittel in solcher Höhe leider nicht verfügt. Die Sammlungen für unfern Wahlfonds, über welche wir an anderer Stelle berichten, haben uns keine Summen zugeführt, welche den an uns gestellten Anforderungen entsprechen, so daß noch außerdem ansehnliche Vereinsmittel für Wahlzwecke aufgewendet werden mußten. Den Spendern sei auch an dieser Stelle herzlich gedankt; wir hätten freilich gewünscht, daß ihre Zahl noch größer gewesen wäre. Immerhin haben wir es ermöglicht, durch Geldunterstützungen, Verbreitung von Flugblättern, mündliche und schriftliche Ratschläge, besonders bei den Stichwahlen, die Wahl' von Gegnern der antisemitischen Kandidaten zu fördern. In dieser Absicht haben wir viele Kandidaten darüber interpelliert, ob sie für den Fall ihrer Wahl zum Abgeordneten gegen jeden im Reichstage etwa eingehenden Antrag auf Beschränkung der Rechte der Juden stimmen würden. Die eingegangenen Antworten haben dann die Unterlagen für unsere Stellungnahme und die Information unserer Vertrauensmänner gegeben. Bei den Stichwahlen richteten wir an diejenigen unserer Mitglieder, für deren Wahlkreise ein antisemitischer Kandidat in Frage kam, in einem Flugblatte die Aufforderung: „Bleibe Niemand der Wahlurne fern! Wem der Gegenkandidat des Antisemiten und seine Parteizugehörigkeit nicht sympathisch ist, der bedenke, daß der zersetzende und vergiftende Einfluß des Antisemitrsmus die bei weitem größte Gefahr in sich birgt, und werfe seine Stimme in die Wagschale gegen den Antisemiten!!" Wo unser Flugblatt rechtzeitig eintraf, wirkte es auch, insbesondere dort, wo wir zahlreiche Mitglieder besitzen. Wir müssen aber in Zukunft schneller über die Ergebnisse der Hauptwahlen unterrichtet werden; wir erwarten zuversichtlich, daß wir künftig engere Fühlung mit allen in Betracht kommenden Kreisen bekommen werden und daß wir überhaupt mehr und mehr auf tatkräftige Unterstützung seitens unserer Glaubensgenossen rechnen dürfen. Erfüllt sich diese Hoffnung, dann wird es möglich sein, nicht nur die Juden, sondern auch unsere christlichen Mitbürger über die Kulturseindlichkeit und die Staats-